
Menschen mögen Zoos. Zumindest der Großteil. Und die Tiroler*innen mögen ihren Alpenzoo. Touristen übrigens auch. Das Verhältnis zwischen Einheimischen und Gäs-ten unter den Besucher*innen liegt bei etwa 50:50, rechnet Direktor André Stadler: „Wir sind eines der bedeutendsten touristischen Ziele in Tirol, gleich hinter den Kristall-welten und der Nordkette, gleichzeitig sind wir der Zoo der Tiroler.“ Was viele nicht wissen: Der Alpenzoo ist nicht nur der unsrige, er ist ein Global Player, einer der füh-renden Zoos der Welt. Dabei mag André Stadler den Begriff gar nicht so gerne, son-dern spricht lieber von wissenschaftlich geführten, modernen zoologischen Gärten, weil der Terminus „Zoo“ an sich nicht geschützt ist. Jeder, der einem Publikum drei Wildtierarten für sieben Tage zugänglich macht, kann sich so nennen. Theoretisch auch das Aquarium beim Chinesen.
Zoos, also die wahren, haben sich vier Hauptaufgaben verschrieben: dem Arterhalt, der Bildung, der Forschung und der Erholung. Und sie erfüllen damit, so Stadler, eine klare gesellschaftliche Funktion. Während die Welt zunehmend urbanisiert und sich der Mensch zusehends von der Natur entfernt, werden Orte, an denen echte Be-gegnungen mit Tieren stattfinden, immer wichtiger. Nicht also bloße Schau, sondern als Plattform für so genannte „Conservation Education“, also Naturschutzbildung. „Es geht nicht darum, den Menschen die Tiere einfach nur zu zeigen und die wich-tigsten Fakten dazu zu erzählen. Die kann man auch auf Google nachlesen. Es geht darum, bewusst zu machen, warum es sich lohnt, den Steinbock zu retten, warum der Bartgeier wichtig ist, warum sich eines unserer Artenschutzprojekte mit der Wühl-maus beschäftigt. Unser Ziel ist es, dass die Besucher*innen ein bisschen klüger wieder nach Hause gehen, als sie in den Alpenzoo gekommen sind. Und im besten Fall wer-den sie selbst zu Artenschützer*innen.“
Seit 1. Jänner 2018 ist André Stadler Direktor des Innsbrucker Alpenzoos. Wir haben mit ihm über die Bedeutung von Zoos im Allgemeinen und des Alpenzoos im Speziel-len gesprochen, über Artenschutz, wirtschaftliche Verantwortung und Führung auf Vertrauensbasis. Und warum er gerne in Tirol bleiben möchte.
eco.nova: Welche Bedeutung haben Zoos heute und welche werden sie in Hinblick auf Klimawandel und Artensterben in der Zukunft haben? André Stadler: Aufbauend auf ihre klaren Aufgaben – Artenschutz, Bildung, For-schung und Erholung – haben Zoos eine sehr hohe Bedeutung, die in Zukunft noch stärker werden wird. Vielen Tieren, Pflanzen und Organismen geht es nicht gut und die Herausforderungen verschärfen sich. Klimawandel, Pestizide, Überjagung, Le-bensraumveränderungen. Arten sterben immer wieder aus, das gehört zur Evolution, aber das Tempo ist aufgrund menschengemachter Probleme einfach zu hoch. Zoos werden deshalb wichtiger, weil wir eine so genannte Reservepopulation aufbauen, eine Art moderne Arche Noah. Allerdings ein bisschen cleverer als Noah, der von ei-ner Rasse nur je ein Männchen und Weibchen mitgenommen hat. Wir arbeiten mit genetischer Vielfalt und langfristigen Strategien mit dem Ziel, Tiere entsprechend wie-der auszusiedeln. Aktuell wildert der Alpenzoo etwa fünf bis acht Tierarten pro Jahr aus, mein Ziel ist es, diese Zahl bis 2030 auf 15 bis 20 zu erhöhen. Der Alpenzoo ist da-bei übrigens weltweit führend: Wir sind seit vergangenem Jahr Mitglied der Weltna-turschutz- organisation IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources). Damit zählt der Zoo zu einem der wichtigsten internationalen Netzwerke im Natur- und Artenschutz. Unter anderem ist dieses verantwortlich für die Rote Liste der bedrohten Arten. Ganz konkret steht bei uns aktuell die Bayrische Kurz- ohrmaus im Fokus, die viele Jahre lang als verschollen oder lokal ausgestorben gelis-tet war. Generell arbeiten wir als Alpenzoo sowohl ex situ, also im Zoo selbst, als auch in situ direkt im Lebensraum der Tiere. Diese Kombination macht modernen Arten-schutz aus.
Wie wird entschieden, welche Tiere in den Fokus rücken? Wir orientieren uns stark an der Gefährdung. Arten, die auf der Roten Liste ganz rechts stehen, sind besonders bedroht und brauchen vermehrt unsere Unterstützung. Was nicht heißt, dass wir die häufigen Arten nicht genauso brauchen. An ihnen kön-nen wir lernen und betrachtet man die Veränderungen in der Natur, muss vielleicht auch für sie eines Tages die Arche Noah losfahren. Welche Tiere im Alpenzoo gehal-ten werden, richtet sich nach dem sogenannten Collection Plan, im Zuge dessen Kurator*innen entscheiden, warum wir welche Tiere halten.
Ist den Tiroler*innen bewusst, welchen Schatz sie mit dem Alpenzoo quasi direkt vor der Haustür haben? Jein. Der Alpenzoo ist im Bewusstsein der Bevölkerung sehr positiv behaftet. Wir hatten letztes Jahr die zweitbeste Besucherzahl überhaupt. Viele kommen allerdings wegen der Säule „Erholung“. Und das ist auch völlig legitim. Sie wollen einen schönen Tag haben, Kaffee trinken, Tiere gucken. Meine Aufgabe ist es, den Besucher*innen ne-benher etwas mitzugeben. Wenn sie rausgehen und denken: Stimmt, ich könnte ja auch etwas für den Artenschutz tun, dann haben wir viel richtig gemacht. Klar ist auch, das schaffen wir nicht bei jedem. Deshalb bauen wir laufend neue Formate wie den Artenschutzpavillon mit Wasserspielplatz. Während die Kinder spielen, erzäh-len wir den Eltern unsere Geschichten. Das ist der Trick. Außerdem haben wir einen Podcast, mit dem wir in kurzen oder etwas längeren Episoden Einblick in unsere Welt geben.
Woher kommt Ihre eigene Leidenschaft für Zoos? Ich erzähle immer gerne die Geschichte von Bernhard Grzimek. Ich war ein kleines Kind, hab Professor Grzimek im Fernsehen gesehen und meine Mutter gefragt, was der denn macht. Sie sagte, er sei ein Zoodirektor. Da war für mich klar: Das will ich auch werden. Ich habe dann ziemlich konsequent darauf hingearbeitet, Biologie studiert, promoviert, immer mit Bezug zu Zoos. Ich habe meine erste Assistentenstelle bekommen und so fort. Als die Stelle im Alpenzoo europaweit ausgeschrieben wurde, habe ich mich beworben. Seit 2018 bin ich nun hier und wenn mich die Tiroler*innen weiter haben wollen, bleibe ich gerne. Ich habe mich bewusst hierhin beworben. Die Lebensqualität in Tirol ist unglaublich hoch und ich habe einen fantastischen Zoo mit einem fantastischen Team.
Die Frage nach einem Lieblingstier erübrigt sich bei einem Zoodirektor vermutlich? Ich habe dauernd neue Lieblingstiere. Im Grunde sind es immer jene, mit denen ich mich gerade beschäftige. Ich kann mich für viele Tierarten sehr begeistern, aber die ehrliche Antwort ist: mein Hund. Der ist das einzige Lebewesen, das sich immer freut, mich zu sehen.
Wie finanziert sich der Alpenzoo? Wir sind ein gemeinnütziger Verein mit einer Eigendeckungsquote von rund 91 Prozent. Den Rest decken projektbezogene Subventionen von Stadt und Land, für die ich sehr dankbar bin. Zudem haben wir den Förderverein „Freunde des Alpenzoos“. Es gibt viele Menschen, die sich zum Alpenzoo bekennen. Das macht mich stolz und ist auch einer der Erfolgsfaktoren.
Woran lässt sich der Erfolg eines Zoos messen? Natürlich hat Erfolg mit Wirtschaftlichkeit zu tun. Im Jahr kommen rund 310.000 Men-schen in den Alpenzoo und mit den Besuchen entstehen zusätzliche Effekte: Nächti-gungen in Hotels, Konsum in der Gastronomie, Frequenz im Handel. Der Zoo wirkt nicht isoliert, er strahlt in die Stadt und darüber hinaus. Es gibt Menschen, die kom-men tatsächlich wegen des Zoos nach Innsbruck. Der Alpenzoo ist also kein Zusatz zum Tourismus, sondern ein Argument. Eine kürzliche Analyse hat gezeigt: Durch den laufenden Betrieb entsteht allein in Tirol eine Wertschöpfung von 23,6 Millionen Euro, österreichweit sind es über 33 Millionen. Zählt man das Konsumverhalten der Tages-gäste hinzu, ergibt sich eine gesamtwirtschaftliche Wirkung von rund 46 Millionen Eu-ro. Der Alpenzoo selbst beschäftigt 45 Mitarbeiter*innen, gleichzeitig sichern wir rund 280 Arbeitsplätze in Tirol und mehr als 400 in ganz Österreich. Das ist schon ziemlich cool.
Sie sind seit 2018 Direktor im Alpenzoo. Wir würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben? Sehr vertrauensbasiert. Es gibt ein konkretes Ziel, ich gebe Leitplanken vor, innerhalb derer die Mitarbeiter*innen frei entscheiden können, und wenn sie meine Hilfe brau-chen, bin ich da. Sie haben jederzeit meinen Rückhalt. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen besser arbeiten, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen, und ich vertraue jedem Mitarbeiter ab Tag eins zu 100 Prozent, sonst hätte ich ihn nicht eingestellt. Da gucken viele erst mal verdutzt. Führung muss eigentlich langweilig werden. Das Unternehmen muss auch ohne mich funktionieren. Gleichzeitig ist mir der regelmäßige Austausch wichtig. Jeden Morgen sieht mich jeder Mitarbeiter, ein-mal die Woche gibt es einen Jourfixe, damit ich Smalltalk-fähig bleibe, wie ich es nenne. Ich möchte über jeden meiner Mitarbeiter*innen mindestens einen privaten Satz sagen können. Das braucht natürlich klare Strukturen und es muss einen Ent-scheider geben, Anarchie funktioniert auch nicht. Mitarbeiter*innen wollen auch ein Stück weit geführt werden, sie müssen wissen, wo die Reise hingeht, aber innerhalb dieser Strukturen sollen sich die Leute entfalten können. Das setzt auch eine gute Gesprächskultur voraus. Meine Mitarbeiter*innen sollen wissen, dass sie jederzeit zu mir kommen können, auch und vor allem, wenn Fehler passieren. Nur wer nicht ar-beitet, macht keine Fehler.
Welche Projekte stehen im Alpenzoo in naher Zukunft an? Wir haben noch einen ganzen Haufen an Projekten vor. Ich möchte das Arten- und Naturschutzzentrum immer weiter ausbauen und noch mehr bedrohte Tierarten ret-ten. Ich will mehr Erlebnisse für die Besucher*innen schaffen. Dafür gibt es einen kla-ren Entwicklungsplan, den ich allerdings nicht nach außen kommuniziere, weil sich die Dinge oft schneller ändern, als man schauen kann. Unterm Strich ist mir wichtig zu sagen: Das Glas ist halb voll! Im Artenschutz wurde viel zu lange schwarzgemalt. Na-türlich haben wir Probleme, wir haben aber auch Lösungen. Auf diesem Erdball le-ben rund 8,3 Milliarden Menschen. Wenn jeder ein bisschen was tut, dann bekom-men wir das Ruder auch herumgerissen. Deshalb freue ich mich, wenn ganz viele Menschen zu Artenschützern werden. Das ist unsere Aufgabe.
Interview: Marina Bernardi
Fotos: Andreas Friedle

