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Lust auf Leistung

3.7.2026

eco.nova: Wie beurteilen Sie aktuell die wirtschaftliche Lage in Österreich und speziell in Tirol? Wo stehen wir konjunkturell tatsächlich und was wird oft unterschätzt? Martha Schultz: Österreichs Wirtschaft kommt derzeit nur langsam wieder in Schwung. Im ersten Quartal gab es zwar ein kleines Plus von 0,2 Prozent, wie es weitergeht, hängt aber stark von den Entwicklungen in der Welt ab. Geopolitische Konflikte, handelspolitische Unsicherheiten und Konkurrenz aus China sind sicher nicht förderlich. Dazu kommen in Österreich hohe Kosten für Löhne, Energie und Bürokratie, die es den Unternehmen schwer machen, zu investieren und zu wachsen. Laut WIFO wird die österreichische Wirtschaft bis 2031 nur um durchschnittlich 1,1 Prozent pro Jahr wachsen. Es braucht daher gezielte Entlastungen für Unternehmen und bessere Rahmenbedingungen für den Standort Österreich.

Viele Betriebe stehen unter Druck durch geopolitische Verwerfungen und unsichere Lieferketten. Was raten Sie insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen konkret? Für Unternehmen wird es immer wichtiger, Veränderungen in der Welt früh zu erkennen und richtig darauf zu reagieren. Das gilt besonders für Österreich als kleine, exportorientierte und von kleinen und mittleren Unternehmen geprägte Volkswirtschaft. Unsere AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA bietet Beratungsangebote für heimische Betriebe. Sie hilft Unternehmen, auch im Kontext eines komplizierten geopolitischen Umfelds Chancen im Ausland zu nutzen. Gleichzeitig setzen wir uns als Wirtschaftskammer für Freihandelsabkommen ein, die unseren Betrieben globale Chancen eröffnen. Zudem müssen wir den europäischen Binnenmarkt stärken und weiter ausbauen, weil er unser Heimmarkt mit hohem Wachstumspotenzial ist.

Wo sehen Sie in den kommenden Monaten die größten Chancen für den Standort Österreich. Und wo die größten Risiken? Die größten Chancen liegen in der Innovationskraft und dem Unternehmergeist unserer Betriebe, in gut ausgebildeten Arbeitskräften und in einem modernen Wirtschaftsstandort. Risiken resultieren, wie erwähnt, aus den globalen geopolitischen Veränderungen sowie den hohen Kosten bei Löhnen, Energie und Bürokratie in Österreich, mit denen unsere Unternehmen konfrontiert sind und die die preisliche Wettbewerbsfähigkeit sehr schwächen. Daher müssen wir gegensteuern, wo dies eben möglich ist, damit aus der nur allzu verständlichen Verunsicherung wieder Zuversicht wird. Wir brauchen gerade jetzt mehr unternehmerisches Denken und Handeln in Österreich – mehr Mut, mehr Dynamik und mehr Vertrauen in die Leistungsfähigkeit unserer Betriebe. Unsere Vorstellungen, wie es gelingen kann, den Standort zurück auf die Überholspur zu bringen, haben wir als Wirtschaftskammer Österreich in unseren „Interessenpolitischen Schwerpunkten 2026+“ vorgelegt. Jetzt heißt es: gemeinsam anpacken.

Energiesicherheit und vor allem die Energiepreise sind zentral für die Wettbewerbsfähigkeit. Welche konkreten Schritte fordert die Wirtschaftskammer hier? Energiesicherheit und wettbewerbsfähige Energiepreise sind zentrale Voraussetzungen für den Wirtschaftsstandort Österreich. Gerade der Strompreis spielt dabei eine Schlüsselrolle, weil viele Unternehmen ihre Produktion und Prozesse zunehmend elektrifizieren. Österreich hat bereits einen sehr hohen Anteil erneuerbarer Energie. Trotzdem kommen die Vorteile günstiger Stromerzeugung bei den Betrieben noch nicht an. Gleichzeitig steigen die Kosten für Netze und Infrastruktur weiter an. Deshalb braucht es eine Synchronisierung des Ausbaus der erneuerbaren Energien, der Stromnetze und der Speicher. Klar ist aber auch: Österreich kann diese Herausforderungen nicht alleine lösen. Wir brauchen einen starken europäischen Energiemarkt und Rahmenbedingungen, die wettbewerbsfähige Energiepreise ermöglichen. Dazu gehört auch, die CO2-Bepreisung so weiterzuentwickeln, dass Industrieproduktion und Arbeitsplätze in Europa gehalten werden können.

Was muss aus Ihrer Sicht auf EU-Ebene passieren, damit der Standort wieder wettbewerbsfähiger wird? Wo drückt aktuell der Schuh am meisten? Europa muss seine Wettbewerbsfähigkeit jetzt konsequent stärken, vor allem durch einen spürbaren Abbau der Bürokratie. Derzeit wenden österreichische Unternehmen im Schnitt 13 Arbeitsstunden pro Woche allein für administrative Pflichten auf. Diese Zeit fehlt im operativen Geschäft. Gerade kleine und mittlere Betriebe brauchen einfachere, verständlichere und praxistaugliche EU-Vorgaben statt zusätzlicher Belastungen. Gleichzeitig müssen der Binnenmarkt vertieft und wettbewerbsfähige Energiepreise sichergestellt werden. Wichtig ist außerdem, neue Handelsabkommen rasch abzuschließen, um Europas Wirtschaft breiter aufzustellen und neue Märkte zu erschließen. Jetzt braucht es weniger Regeln, schnellere Verfahren und insgesamt mehr wirtschaftliche Dynamik in Europa.

Sie sprechen immer wieder vom enormen bürokratischen Aufwand für Betriebe. Wo würden Sie konkret als Erstes ansetzen, um vor allem KMU spürbar zu entlasten? Wir wissen, dass die Überfülle an Vorschriften und Auflagen speziell kleine und mittlere Unternehmen überfordert. Im Entbürokratisierungspaket, das die Regierung im Dezember 2025 vorgelegt hat, wurden einige langjährige Forderungen der Wirtschaft berücksichtigt, die insbesondere auch kleine und mittlere Unternehmen entlasten. Etwa die Vereinfachungen bei Registrierkassen und Belegen oder die höheren Umsatzgrenzen für die Buchführungspflicht. Jetzt darf keine Zeit mehr verloren gehen, alle vorgeschlagenen Entlastungen müssen rasch bei den Betrieben ankommen. Außerdem liegen bereits weitere Abbauforderungen auf dem Tisch, zum Beispiel, dass die Umsatzschwelle angehoben wird, ab der die Betriebe nur vier Mal jährlich die Mehrwertsteuer voranmelden müssen. Das wird insbesondere kleine und mittlere Unternehmen weiter entlasten.

Die Lohnnebenkosten werden ab 2028 um einen Prozentpunkt gesenkt. Ist das ausreichend? Eine Senkung um einen ganzen Prozentpunkt ist in jedem Fall ein großer Schritt, der den Betrieben eine spürbare Entlastung bringt. Hier geht es um ein Volumen von zwei Milliarden Euro, was vor allem angesichts der budgetären Situation sehr beachtlich ist. In der Vergangenheit gab es zwar bereits Maßnahmen bei den Lohnnebenkosten, aber diese bewegten sich in weitaus kleinerem Rahmen. Wir sind daher überzeugt, dass die Senkung um einen Prozentpunkt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe stärken und Arbeitsplätze sichern wird. Aber natürlich müssen wir den Weg der Entlastung des Faktors Arbeit weitergehen. Längerfristig ist unser Ziel, bei den Lohnnebenkosten auf deutsches Niveau zu kommen.

Sie haben eine Entlastung der Mitgliedsbetriebe um 100 Millionen Euro bis 2030 angekündigt. Was können sich die heimischen Unternehmen noch vom Reformprozess der Wirtschaftskammer erwarten? Wir stellen die Wirtschaftskammer grundlegend neu auf: Sparsamer, schlanker und stärker – konsequent an den Bedürfnissen unserer Betriebe ausgerichtet. Es geht nicht um einzelne Maßnahmen, sondern um einen nachhaltigen Wandel. Ziel ist es, Strukturen zu straffen, Abläufe zu vereinfachen und die Organisation insgesamt schlagkräftiger aufzustellen. Einsparungen sind dabei kein Selbstzweck: Strukturelle Entlastungen sollen konsequent im Sinne eines besseren Mitgliedernutzens wirksam werden.

Wie stehen Sie zur aktuellen Diskussion über Vermögens- und Erbschaftssteuern – gerade in einer Phase, in der die Konjunktur wieder anläuft? Jede neue Steuer ist ein No-Go für uns. Wir haben bereits sehr hohe Steuern und Abgaben. Davon müssen wir runter. Gerade jetzt brauchen die Betriebe Entlastung, damit sie den weiteren wirtschaftlichen Aufschwung bewältigen können. Was Erbschafts- und Vermögenssteuern betrifft: Sie bestrafen unsere Familienbetriebe, die über Generationen hinweg aufgebaut wurden und gut gewirtschaftet haben. Der Staat greift dort zu, wo Menschen für ihre Kinder vorsorgen. In Wahrheit trifft es Familienbetriebe, Höfe und Arbeitsplätze.

Welche Rolle sollte die Sozialpartnerschaft in wirtschaftlich unsicheren Zeiten spielen und wo braucht es aus Ihrer Sicht neue Ansätze? Gerade in unsicheren Zeiten braucht es die Sozialpartnerschaft. Sie ist so etwas wie ein stabiler Anker. Das hat sie in der Vergangenheit schon oft bewiesen und wichtige Dienste für den Zusammenhalt der Gesellschaft geleistet – und sie tut das nach wie vor. Denken Sie nur an die Kollektivverträge. Österreich hat eine KV-Abdeckung von 98 Prozent. Das ist international ein Spitzenwert, um den uns andere Länder beneiden. Aber natürlich muss sich auch die Sozialpartnerschaft weiterentwickeln und sich vor allem der Zukunftsthemen annehmen, etwa der Digitalisierung oder des demografischen Wandels.

Sie sind Unternehmerin, Tirolerin und jetzt an der Spitze der Wirtschaftskammer Österreich. Was bringen Sie aus dieser Perspektive anders ein als Ihre Vorgänger? Ich bin Unternehmerin am Land, kenne das Auf und Ab der Saisonen, die Sorge um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Investitionen und Finanzierung und weiß, welche Erwartungen es an eine Interessenvertretung gibt, die in schwierigen Zeiten nicht wegschaut, sondern anpackt. Als langjährige Funktionärin und frühere Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Tirol habe ich viele Betriebe persönlich kennengelernt – vom Ein-Personen-Unternehmen bis zum Industriebetrieb. Deren Vertrauen ist für mich Verpflichtung. Meine Tiroler Wurzeln geben mir besonders jetzt die Energie und Kraft, aus der ich schöpfen kann.


Interview: Klaus Schebesta
Foto: Barbara Nidetzky

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