
Inflation, geopolitische Krisen, Investitionszurückhaltung und eine schwächelnde Konjunktur prägen derzeit das wirtschaftliche Umfeld. Gleichzeitig zeigen sich viele Tiroler Unternehmen bemerkenswert resilient. Patrick Götz, Obmann der Sparte Bank und Versicherung in der Wirtschaftskammer Tirol, spricht über die Stimmung in der Branche, den Wandel beim Sparen und Anlegen sowie die Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Österreich.
eco.nova: Wie würden Sie die derzeitige Stimmung in der Tiroler Bankenbranche beschreiben? Patrick Götz: Die Stimmung ist aktuell vorsichtig optimistisch. Die Banken verzeichnen solide Ergebnisse, gleichzeitig bleibt das Umfeld jedoch anspruchsvoll, etwa durch geopolitische Krisen, aber auch wegen der verlängerten Bankenabgabe und zunehmend komplexen regulatorischen Anforderungen. Die vergangenen Jahre mit hoher Inflation, steigenden Zinsen und schwachem Wachstum haben Spuren hinterlassen. Wir beobachten bei Privatkund*innen ebenso wie bei Unternehmen eine gewisse Unsicherheit. Diese zeigt sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch psychologisch: Entscheidungen werden hinausgezögert, Investitionen zurückgestellt, und insgesamt ist eine größere Zurückhaltung spürbar. Trotz dieser Belastungen bleibt der Bankensektor stabil und erfüllt weiterhin eine zentrale Rolle als verlässlicher Finanzierungspartner.
Wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Gesamtlage in Österreich? Ist die Verunsicherung der Bevölkerung aus Ihrer Sicht größer als die tatsächliche wirtschaftliche Gefahr? Die wirtschaftliche Lage ist in einigen Bereichen angespannt und von strukturellen Herausforderungen geprägt. Österreich kämpft im europäischen Vergleich weiterhin mit einer hohen Inflation bei gleichzeitig schwachem Wachstum, eine Kombination, die Haushalte wie Unternehmen erheblich belastet. Hinzu kommt eine schwierige Budgetsituation: Die hohe Staatsverschuldung begrenzt den finanziellen Handlungsspielraum und erschwert dringend notwendige Zukunftsinvestitionen in Bildung, Forschung und Innovation. Gleichzeitig schränken steigende Zuschüsse aus Steuermitteln in das staatliche Pensionssystem, die notwendig sind, um die Beitragslücke zu füllen, den Handlungsspielraum für öffentliche Investitionen oder Abgabenentlastungen stark ein. Hier sind größere Reformschritte mittlerweile unausweichlich. Die Verunsicherung ist daher nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern hat reale Auswirkungen: Investitionen werden verschoben, Konsum wird gedämpft. Umso wichtiger sind stabile und verlässliche Rahmenbedingungen und ehrliche Kommunikation, um Vertrauen zurückzugewinnen und die wirtschaftliche Dynamik wieder zu stärken.
Viele Menschen spüren auch, dass ihr Geld trotz Lohnerhöhungen real weniger wert ist. Verändert das das Spar- und Anlageverhalten der Kund*innen? Der Kaufkraftverlust ist für viele Menschen – insbesondere bei niedrigen Einkommen – deutlich spürbar. Dennoch verändert sich das Spar- und Anlageverhalten in Österreich nur langsam. Klassische Produkte wie Sparbuch oder Bausparer genießen weiterhin großes Vertrauen, obwohl sie in Inflationsphasen real oft an Wert verlieren. Gleichzeitig wird das Potenzial breiter gestreuter Kapitalmarktanlagen zunehmend erkannt. Fonds, ETFs oder langfristige Wertpapiersparpläne bieten Chancen, Vermögen real zu erhalten und auszubauen. Dieser Bewusstseinswandel erfolgt schrittweise, gewinnt aber insbesondere auch bei jungen Menschen deutlich an Bedeutung. Gerade mit Blick auf die Altersvorsorge ist das entscheidend: Aufgrund des demografischen Wandels wird private Vorsorge immer wichtiger. Die Stärkung von kapitalgedeckten Pensionssäulen kann hier eine tragende Rolle für langfristige finanzielle Stabilität spielen. Länder wie Dänemark, Schweden oder die Niederlande sind dafür Erfolgsbeispiele. Es müssten dafür in Österreich entsprechende Rahmenbedingungen und stärkere Anreize geschaffen werden.
Welche Bereiche beobachten die Banken derzeit besonders genau: private (Immobilien-)Kredite, Unternehmensinsolvenzen oder das internationale Umfeld? Welche Segmente bereiten Ihnen aktuell besonders Sorgen? Im Fokus steht derzeit klar das internationale Umfeld. Geopolitische Spannungen – etwa im Nahen Osten oder der Ukraine – erhöhen die Unsicherheit und treiben die Energiepreise an, was wiederum die Inflationsentwicklung weiter beeinflusst. Im Inland fällt vor allem die Investitionszurückhaltung auf. Auch in Tirol werden Projekte verschoben oder reduziert, was auf gedämpfte Wachstumserwartungen hindeutet. Tirol ist neben dem Tourismus auch eine stark spezialisierte Wirtschaftsregion. Rund 35 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung werden dabei durch die Industrie getragen und diese ist unter anderem stark vom Export abhängig. Die Attraktivität hat in den letzten Jahren durch gestiegene Lohnkosten, hohe Energiekosten und teilweise überschießende regulatorische und bürokratische Anforderungen gelitten. Zusätzlich sehen wir strukturelle Herausforderungen für den Standort Europa allgemein: Hohe Abhängigkeit in verschiedenen Bereichen wie bei bestimmten Rohstoffen, Energie, im IT-Sektor und der Künstlichen Intelligenz einerseits und steigende regulatorische Anforderungen andererseits. Diese Faktoren setzen die Wettbewerbsfähigkeit unter Druck und bremsen die Investitionsbereitschaft.
Auf der anderen Seite: Welche Entwicklungen stimmen Sie positiv? Positiv stimmt vor allem die Anpassungsfähigkeit vieler Unternehmen. Gerade in Tirol gibt es zahlreiche Betriebe, die sich erfolgreich als „Hidden Champions“ oder Weltmarktführer positionieren und international wettbewerbsfähig bleiben. Auch der Tourismus zeigt eine stabile Entwicklung und unterstreicht die Bedeutung von Qualität, Innovation und nachhaltigen Konzepten. Banken wiederum bleiben verlässliche Partner und bieten in einem unsicheren Umfeld Stabilität und Orientierung. Auf europäischer Ebene eröffnen Initiativen wie die Spar- und Investitionsunion neue Chancen. Gleichzeitig besteht in Österreich weiterhin Aufholbedarf beim Aufbau eines leistungsfähigen Kapitalmarkts und resilienter Altersvorsorgemodelle.
Auch wenn der Immobilienmarkt in Tirol nach den herausfordernden Jahren eine moderate Erholung zeigt und insbesondere die Nachfrage nach Eigentumswohnungen wieder spürbar steigt, ist die Finanzierung von Wohnungseigentum hierzulande nach wie vor schwierig. Wie schätzen Sie diese Entwicklung in den kommenden Jahren ein? Finanzierbares Wohnen bleibt eine zentrale Herausforderung. Der Tiroler Markt ist geprägt von hoher Nachfrage, begrenztem Angebot und entsprechend hohen Preisen. Gerade für junge Familien ist das eine große Herausforderung beim Einstieg ins Eigenheim. Leistbares Wohnen und die Förderung von Eigenheimen erfordern ein Bündel an politischen, wirtschaftlichen und planerischen Maßnahmen, die einerseits das Angebot erhöhen können – beispielsweise durch Mobilisierung von Bauland und Leerständen, Nachverdichtungen, Aufstockungen, Nutzung brachliegender Flächen, aber auch schnellere und weniger bürokratische Genehmigungsverfahren. Auch das Tempo beim Klima-Update im Gebäudesektor sollte weiter erhöht werden. Hohe Baukosten sind ein weiterer Hauptgrund für teure Wohnungen. Standardisierung, Serienbau, modulare Bauweise, Absenkung von Auflagen und strenge Bauvorschriften wären hier wesentliche Stellschrauben einer Entlastung. Auch steuerliche Anreize hätten hier einen spürbaren Effekt. Die Abschaffung der Grundbuchs- und Pfandrechtseintragungsgebühr sowie der Grunderwerbsteuer für die Eigenimmobilie hätten positive Auswirkungen auf die Leistbarkeit. Die Wohnbauförderung als Bau- und Sanierungsturbo zu nutzen, könnte über die Modernisierung der Wohnbaufördermittel oder die Einführung von Eigenkapitalersatz-Modellen als Hilfe beim Startkapital (z. B. Bürgschaften) ein taugliches Instrument sein. Gesellschaftlich betrachtet geht es aber um mehr als das Wohnen: Eigentum bedeutet Vermögensaufbau, Altersvorsorge und Unabhängigkeit. Die größten Hürden liegen häufig nicht nur im Kaufpreis selbst, sondern eben auch in den verschiedenen regulatorischen Anforderungen. Hier braucht es neue, praxistaugliche Lösungen. In der Wirtschaftskammer wurden bereits Modelle und Vorschläge dazu ausgearbeitet, die auch bei begrenzten Eigenmitteln realistische Zugänge eröffnen. Entscheidend wird sein, dass Politik und Wirtschaft gemeinsam handeln, um finanzierbares Wohnungseigentum nachhaltig zu ermöglichen. Allerdings senden gerade hier wieder stringente regulatorische Kreditvergaberichtlinien, wie die Einführung von Systemrisikopuffern für gewerbliche Immobilienfinanzierungen, wie sie das FMSG empfiehlt, ein gegenteiliges Signal an den Markt und wir befürchten, dass dies die Investitionsbereitschaft weiter eindämmen könnte, wenn zusätzliche Eigenmittelbindung den Finanzierungsspielraum für Banken bei privaten Wohnungsneubauprojekten einschränkt.
Aktuell treibt die EZB die Arbeiten am digitalen Euro weiter voran. Welche Auswirkungen hat eine solche digitale Zentralbankwährung auf Geschäftsbanken? Der digitale Euro soll darauf abzielen, Europas Abhängigkeit von US-Zahlungsdienstleistern zu reduzieren, um die finanzielle Souveränität der EU zu stärken, was grundsätzlich von einem europäischen Blickwinkel aus zu begrüßen wäre. Der digitale Euro wäre aber auch ein tiefgreifender Eingriff in das bestehende Finanzsystem. Er könnte einen direkten Wettbewerb zwischen staatlichen und privatwirtschaftlichen Zahlungslösungen auslösen. Offene Fragen betreffen insbesondere Datenschutz, mögliche Auswirkungen auf staatlichen Einfluss auf Zahlungsströme sowie die hohen Kosten des Projekts, die schlussendlich auf die Kund*innen umgelegt werden müssten. Zudem ist der konkrete Mehrwert für Konsument*innen im Vergleich zu bestehenden Bezahllösungen bislang noch nicht eindeutig erkennbar. Aus Sicht der Banken sollte daher der Fokus zunächst auf dem Ausbau und der Vernetzung bestehender europäischer Zahlungssysteme und privater Initiativen wie dem Wero der European Payments Initiative (EPI), die bereits entwickelt und ausgerollt werden, liegen.
In Österreich besteht nach wie vor eine hohe Affinität zu – haptischem – Bargeld. Wie schätzen Sie die Bereitschaft der Bevölkerung zur Nutzung des digitalen Euros ein? Digitale Zahlungsformen gewinnen auch in Österreich kontinuierlich an Bedeutung, gleichzeitig bleibt Bargeld fest verankert, denn nicht alle Bürger*innen wollen nur digitales Geld. Bei Umfragen zeigt sich eine teilweise skeptische Haltung in der Bevölkerung zu reinen digitalen Geld- und Zahlungsmitteln, die durch die Sorge vor Überforderung (z. B. ältere Menschen) und den Wunsch nach anonymem Bezahlen bedingt ist. Die Akzeptanz eines digitalen Euro wird daher stark von seiner konkreten Ausgestaltung abhängen. Grundsätzlich unterstützen Banken eine unabhängige europäische Zahlungsinfrastruktur. In der Praxis sehen sie jedoch in bestehenden und neuen privatwirtschaftlichen Lösungen oft die effizientere und kundennähere Alternative zum digitalen Euro.
Wenn Sie einen Blick nach vorne wagen: Was müsste politisch oder wirtschaftlich passieren, damit sich Konsum, Investitionen und die allgemeine Stimmung nachhaltig verbessern? Entscheidend sind stabile und verlässliche Rahmenbedingungen. Unternehmen und Haushalte brauchen Planungssicherheit, um Investitions- und Konsumentscheidungen treffen zu können.Dazu zählen strukturelle Reformen, etwa im Pensionssystem, beim Bürokratieabbau und in der öffentlichen Verwaltung. Ebenso wichtig sind gezielte Investitionen in Forschung, Entwicklung und Innovation, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern. Am Ende geht es um Vertrauen: Klare politische Signale, wirtschaftsfreundliche Maßnahmen und Zukunftsinvestitionen sind der Schlüssel, um Wachstum zu ermöglichen und die Stimmung nachhaltig zu verbessern.
Interview: Marina Bernardi
Foto: Thomas Steinlechner

