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Life

Wohnen als Aufgabe

27.5.2026

Wohnbau ist längst mehr als die rechnerische Antwort auf Quadratmeterdefizite. Zwar bleibt die Frage nach leistbarem Wohnraum – nicht nur hierzulande – zentral, doch sie greift zu kurz, wenn sie isoliert gestellt wird. Denn Wohnen ist kein statischer Zustand, sondern ein kultureller, sozialer und ökologischer Prozess. Wer heute Wohnbau denkt, plant nicht nur Gebäude, sondern Lebensweisen und damit immer auch Zukunft.

Die Rahmenbedingungen haben sich dabei grundlegend verschoben. Klimakrise, Ressourcenknappheit, demografischer Wandel und veränderte Arbeits- und Lebensmodelle stellen die klassischen Typologien infrage. Das freistehende Einfamilienhaus am Stadtrand verliert an Selbstverständlichkeit, während verdichtete, gemischte und gemeinschaftlich gedachte Wohnformen an Bedeutung gewinnen. Wohnbau muss heute vieles leisten: Er soll ökologisch verantwortbar, ökonomisch tragfähig und sozial inklusiv zugleich sein.

Verdichtung von Möglichkeiten

Ein zentrales Spannungsfeld liegt zwischen Quantität und Qualität. Der Ruf nach „mehr bauen“ ist nachvollziehbar, doch ebenso berechtigt ist die Forderung nach einem intelligenteren Umgang mit dem Bestand. Umbau, Nachverdichtung und Umnutzung sind keine Notlösungen mehr, sondern eigenständige Entwurfsdisziplinen. Sie stellen Fragen nach Identität, nach dem Weiterbauen im Vorgefundenen und nach einer Architektur, die nicht aus dem Nichts entsteht, sondern aus dem Kontext herauswächst. Gleichzeitig verschiebt sich der Blick vom Objekt weg und hin zum System. Wohnbau endet nicht an der Wohnungstür. Er umfasst Freiräume, Infrastrukturen, Mobilität, Energie und soziale Netzwerke. Gerade in größeren Kubaturen – oft vorschnell als anonym oder maßstabslos kritisiert – liegt hier ein erhebliches Potenzial. Wenn Dichte nicht als Verdichtung von Fläche, sondern als Verdichtung von Möglichkeiten verstanden wird, entstehen neue Qualitäten: kurze Wege, geteilte Ressourcen, vielfältige Begegnungsräume.

Die Herausforderung besteht darin, diese Potenziale auch architektonisch einzulösen. Große Volumen müssen differenziert werden, um Orientierung und Aneignung zu ermöglichen. Übergänge zwischen privat, halböffentlich und öffentlich werden zu entscheidenden Entwurfsfeldern. Gemeinschaftsräume, robuste Strukturen und flexible Grundrisse können dazu beitragen, dass Gebäude nicht nur heute funktionieren, sondern sich über die Zeit verändern lassen. „Sinnvolles Wohnen“ bedeutet in diesem Zusammenhang auch, die Frage nach dem richtigen Maß neu zu stellen. Wie viel Raum braucht der Einzelne? Und wie viel kann geteilt werden? Modelle des Co-Living, Clusterwohnungen, also private Kleinstwohnungen kombiniert mit großzügigen Gemeinschaftsflächen wie Küchen, Lounges oder Terrassen, oder gemeinschaftlich organisierte Wohnformen zeigen, dass Lebensqualität nicht zwingend an individuelle Fläche gekoppelt ist. Vielmehr entsteht sie aus der Balance zwischen Rückzug und Teilhabe.

Ökologische Verantwortung

Der Wohnbau trägt sowohl in der Errichtung als auch im Betrieb zudem erheblich zu Energieverbrauch und Emissionen bei. Materialwahl, Konstruktionsweise und Lebenszyklusdenken werden daher zu zentralen Entwurfsparametern. Holzbau, kreislaufgerechte Konstruktionen oder Low-Tech-Strategien werden immer mehr Teil eines neuen Standards, der Ästhetik und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Doch so sehr technische Innovationen notwendig sind, sie allein reichen nicht aus. Die Frage, wie wir wohnen, ist untrennbar damit verbunden, wie wir zusammenleben wollen. Wohnbau ist sohin immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Werte. In einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft kann Architektur Räume schaffen, die Austausch ermöglichen, ohne ihn zu erzwingen, und Vielfalt zulassen, ohne Beliebigkeit zu produzieren.

Nicht zuletzt geht es um Dauerhaftigkeit im besten Sinne: Gebäude müssen physisch bestehen und gleichzeitig sozial und funktional anschlussfähig bleiben. Das verlangt nach einfachen, klaren Rahmenbedingungen, die Spielraum lassen für unterschiedliche Lebensentwürfe, für Veränderungen im Lebenslauf, für unvorhersehbare Entwicklungen. Wohnbau von heute steht damit vor einer doppelten Aufgabe: Er muss akute Probleme lösen und zugleich langfristige Perspektiven eröffnen. Er bewegt sich zwischen Effizienz und Empathie, zwischen Norm und Experiment. Wie das gelingen kann, zeigt der Award „Wohnbauten des Jahres“, den der Callwey Verlag seit 2019 gemeinsam mit seinen Partner*innen auslobt. Der Award ist die einzige gemeinsame Auszeichnung für Bauherren und Architekt*innen im Bereich Geschosswohnungsbau im deutschsprachigen Raum. Was bei den diesjährigen Einreichungen auffällt: Die meisten Projekte wurden entweder sensibel in Bestandsgebäuden realisiert oder als Nachverdichtung bzw. Ersatzneubauten sorgfältig in ein bestehendes bauliches Umfeld integriert. Das Ergebnis sind vielfältige, identitätsstiftende Gebäude, die individuelle Geschichten erzählen. Manche dieser Geschichten erschließen sich sofort – beispielsweise, wenn Kirchen zu Wohnprojekten umgewandelt werden –, andere lassen sich erst auf den zweiten Blick an den auf die Historie des Orts verweisenden Bauvolumen, Fassadengliederungen und Materialien ablesen. Nicht selten erscheinen die auch in Buchform veröffentlichten Wohngebäude aber auch als subtile Stadtreparaturen, die bisher existierende Defizite ausgleichen.

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Buchtipp:

Ausgezeichneter Wohnungsbau 2025
Wohnbauten des Jahres

Prof. Dr. Friedrich von Borries & Roland Pawlitschko
Callwey Verlag, 408 Seiten, EUR 100,80

Die Bandbreite der ausgezeichneten Wohnhäuser ist auch in diesem Jahr enorm. Doch es gibt einen gemeinsamen Nenner: Die Einreichungen gehen oft weit über das bloße Bereitstellen von Wohnraum hinaus, um sowohl in Bezug auf die ökologische als auch hinsichtlich der sozialen Nachhaltigkeit neue, beispielhafte Wege zu gehen. Insgesamt hat eine Fachjury 50 Projekte ausgewählt – zwei davon in Österreich –, die im Buch gemeinsam mit den innovativsten Produktlösungen in Wort und Bild gezeigt werden.
www.wohnbauten-des-jahres.com


Fotos: Brigida Gonzalez

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