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Life

Theater ohne Zeigefinger

9.6.2026

Die Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961 ging als „Feuernacht“ in die Geschichte Südtirols ein: Zahlreiche Strommasten wurden gesprengt, der Konflikt rund um die Autonomie Südtirols eskalierte. In seinem Stück „Feuernacht“ richtet Felix Mitterer den Blick jedoch nicht auf die historischen Schlagzeilen, sondern auf die Menschen dahinter, auf Familien, Beziehungen und persönliche Brüche in einer politisch aufgeheizten Zeit. Nach „Die verkaufte Heimat“ erzählt Mitterer die Geschichte weiter und zeigt, wie eng Politik und Privates miteinander verwoben sind.
  
Bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs wird „Feuernacht“ heuer als großes Freiluftspektakel in der Südtiroler Siedlung mit über 35 Darstellern, Musik von Herbert Pixner und unter Regie von Thomas Gassner aufgeführt. Der künstlerische Leiter der Volksschauspiele Gregor Bloéb spricht über die Vorbereitung, die Faszination ambivalenter Figuren und warum ihn „Wikipedia-Theater“ nie interessiert hat.
 
Nach dem Zirkusspektakel „Romeo und Julia“ im vergangenen Jahr, wird es heuer das durchaus ernste Stück „Feuernacht“ von Felix Mitterer. Wie kam’s?
 
Gregor Bloéb:
Das Stück haben wir eigentlich schon vorgekauft gehabt, es war also irgendwie ein Erbe. Relativ schnell war klar, dass wir das nun machen wollen. Insgesamt liegen dafür drei Jahre Vorbereitung hinter uns. Für mich war dabei immer ein Ziel, Herbert Pixner für dieses Projekt zu holen. Ich wusste ja, dass Herbert ursprünglich mit Theatermusik angefangen hat, für Dorfbühnen in Südtirol. Also habe ich seit drei Jahren an ihm herumgebohrt und irgendwann kam er nicht mehr aus meinem Schwitzkasten raus.
 
Hat er sich lange geziert?
 
Nein, überhaupt nicht, aber erfolgreiche Musiker planen natürlich Jahre voraus. Ich habe genau die Lücke erwischt, wo er gesagt hat, er wolle sich wieder stärker aufs Komponieren konzentrieren. Das habe ich sofort ausgenutzt.
 
Livemusik und Herbert Pixner sind ein Statement. Ist der musikalische Part ein Teil des Stücks oder eine eigene Ebene?
 
Absolut integriert. Herbert spielt sogar selbst mit, einen Carabinieri. Das freut mich persönlich sehr. Er ist schon ziemlich nervös deswegen.
 
Felix Mitterer ist ein Autor, der mit seinen Stücken immer wieder polarisiert und kontrovers diskutiert wird. Geht es mit der Aufführung von „Feuernacht“ darum, die Geschichte zu erzählen oder ein Stück weit auch Stellung zu beziehen?
 
Stellung beziehen ist heute so eine Sache. Ich kenne fast nur Leute, die Stellung zu etwas beziehen, wo eh schon alle derselben Meinung sind. „Ich bin gegen Gewalt.“ Ja eh. Interessant wird’s doch erst dort, wo es kompliziert wird. Die Südtirol-Geschichte ist mittlerweile komplett dokumentiert. Man weiß alles: von den Anschlägen, von den Misshandlungen, von den Geheimdiensten. Es hat Tote gegeben auf beiden Seiten. Österreich war verwickelt, Italien sowieso. Das ist alles aufgearbeitet. Was bei Felix Mitterer allerdings spannend ist: Er schaut immer auf die menschliche Perspektive. Auf Familien, Beziehungen, Charaktere. Mich interessiert kein Wikipedia-Theater, mich interessieren die Menschen. Bei der Feuernacht heißt das, dass man eben nicht nur über Politik spricht, sondern über das, was das mit Menschen macht. Es gab Beziehungen zwischen Südtirolern und Italienern, Familienkonstellationen, Loyalitätskonflikte. Und natürlich auch die große Frage: Ab wann wird Gewalt legitim? Das ist ja etwas, worüber niemand gern spricht. Alle sagen immer sofort, sie seien gegen Gewalt, doch Geschichte ist oft komplizierter. Mich interessiert diese Ambivalenz.
 
Theater soll also Fragen stellen und nicht Antworten liefern?
 
Genau. Ich brauche keinen erhobenen Zeigefinger. Die Zuschauer sollen selbst zu einer Haltung kommen. Welche das ist, ist mir vollkommen offen. Eigentlich sollte das immer die Aufgabe von Theater sein, aber wir leben in einer Zeit, in der Ideologien und moralische Zeigefinger wahnsinnig wichtig geworden sind. Gleichzeitig sieht man oft, dass das inhaltsleer bleibt.
 
Ist das auch ein Grund für den Erfolg der Volksschauspiele?
 
Ich denke schon. Wir haben mittlerweile über 20.000 Zuschauer, wir waren bei der offiziellen Präsentation im Dezember schon fast ausverkauft. Menschen kommen mittlerweile zu uns und sagen: „Habt ihr für 2027 schon Karten? Ist uns wurscht, was ihr spielt.“ Das ist ein Wahnsinn. Ich glaube, das funktioniert genau deshalb, weil wir qualitatives Theater machen, ohne den Leuten irgendetwas vorschreiben zu wollen. Bei uns passiert vieles aus einem Selbstverständnis heraus, ohne Dinge groß zu thematisieren. Bei „Romeo & Julia“ im vergangenen Jahr zum Beispiel hatten wir homosexuelle Darsteller, eine brasilianische Transfrau, Lisa Hörtnagl als Mercuzio – also eine Frau in einer der berühmtesten Männerrollen überhaupt. Wir waren wahrscheinlich zehnmal „woker“ als viele andere. Aber wir machen daraus keinen moralischen Auftrag. Theater war immer schon so, weil es einfach nur darum geht, das Bestmögliche machen zu wollen. Zuschauer zahlen dafür, dass Menschen ihr Herz öffnen. Genau das ist die Aufgabe von Theater.
 
„Feuernacht“ wird wie schon „Die Verkaufte Heimat“ in der Südtiroler Siedlung gespielt. Spielt der Ort eine besondere Rolle?
 
Natürlich. Der Ort bringt etwas mit. Grundsätzlich würde das Stück aber überall funktionieren, weil die eigentliche Kraft in den Beziehungen und den Szenen liegt, die fast schon kammerspielartig sind. Allerdings mussten wir das Stück teilweise neu dramatisieren, weil vieles darin sehr drehbuchartig geschrieben war – kurze Szenen, schnelle Ortswechsel. Auch die verkaufte Heimat war damals sehr filmisch erzählt, wir möchten wieder mehr Fokus auf Theater legen. Es wird mit Sicherheit ein großes Spektakel werden, ich glaube sogar, wir denken eher Richtung Oper. Wir wollten weder Wikipedia-Theater noch Winnetou-Festspiele machen. Das waren die zwei Dinge, die ich auf keinen Fall wollte. Das Konzept von Thomas Gassner ist großartig und ich bin sehr glücklich darüber.
 
Thomas Gassner war die letzten Jahre für die zweite Produktion der Volksschauspiele zuständig. Diese ist heuer hinfällig …
 
Weil das Projekt einfach riesig ist. Wir haben über 35 Darsteller auf der Bühne, dazu Musiker und Leute aus den Laienspielgruppen. Thomas kann diese Welten unglaublich gut verbinden, von dem her war es sicher eine kluge Entscheidung. Er ist wahnsinnig fleißig und extrem gut vorbereitet. Thomas ist seit über einem Jahr voll dabei und macht daheim schon Probesprengungen. Es ist Wahnsinn. Ich bin sehr gespannt.
 
Auch das Ensemble verbindet Nord- und Südtirol sehr stark. War das bewusst so geplant?
 
Ja, absolut. Das gehört zu diesem Stoff dazu. Spannend ist eher, wie wenig viele junge Leute heute noch über diese Geschichte wissen. Selbst bei den Schauspielern war dieses Südtirol-Thema oft überhaupt nicht mehr präsent. Außerhalb Tirols sowieso kaum. Ich war einmal in Neapel, da wussten manche nicht einmal, dass es in Italien eine deutschsprachige Minderheit gibt. Dass Nord- und Südtirol einmal jahrhundertelang zusammengehört haben, ist für viele komplett weg. Als ich im letzten Jahr gesagt hab, dass es heuer um die Geschichte der Bumser gehen wird, gab’s erst mal ein verschämtes Kichern.
 
Die zweite Produktion ist weggefallen, die Marathonlesung durfte bleiben.
 
Ja, und darüber freue ich mich total. Das Stück und die ganze Produktion sind einfach so groß geworden, dass sich eine zweite Produktion heuer nicht ausgeht. Deshalb machen wir zumindest wieder die Marathonlesung – diesmal mit Joseph Roths „Die Flucht ohne Ende“. Ursprünglich wollten wir das im Brenner Basistunnel machen, das hat sich leider zerschlagen. Jetzt findet sie in Kooperation mit Bozen statt. Und mit wirklich grandiosen Vorlesern.
 
Erstaunlich eigentlich, dass diese Marathonlesungen derart gut funktionieren.
 
Finde ich auch. Ich hätte am Anfang nie gedacht, dass das so angenommen wird. Wahrscheinlich ist genau das die Sehnsucht heute: einmal nur dasitzen und zuhören. Nicht nebenbei noch irgendetwas machen. Kein Podcast beim Bügeln, keine Dauerbeschallung. Mittlerweile nimmt man ja das Handy sogar mit aufs Klo. Wir sind Weltmeister der Effizienz. Bei der Lesung sitzt du einfach da, tust nix, hörst zu, schläfst vielleicht kurz ein, wachst wieder auf, gehst etwas trinken, hast plötzlich zu viel getrunken, kommst wieder zurück. Es ist völlig egal. Du bist in so einem eigenen Flow drin. Und das ist schön.
 
Die Volksschauspiele haben sich mittlerweile weit über Tirol hinaus einen Namen gemacht, der Großteil der Zuschauer kommt jedoch aus der Region. Freut Sie das?

Mittlerweile kennt die Tiroler Volksschauspiele jeder in unserer Branche. Jeder. Dass viele Zuschauer aus der Region kommen, freut mich eigentlich besonders. Die Leute sollen das Gefühl haben, dass das ihre Volksschauspiele sind. Das ist der Sinn. Wir sind sozusagen ein künstlerischer Nahversorger. Aber es kommen auch viele Menschen aus anderen Bundesländern, aus Südtirol und dem gesamten süddeutschen Raum. Die Mischung machts.
 
Gibt es bereits Ideen für das kommende Jahr?
 
Natürlich. Das braucht auch eine gewisse Vorlaufzeit und das Programm für die nächsten Jahre ist zumindest schon im Kopf. Wir haben viele Angeln ausgelegt und immer wieder beißt etwas Fettes an. Gleichzeitig haben wir ein riesiges Problem: Wir haben keine fixe Spielstätte. Das wird für nächstes Jahr schwierig, denn diese temporären Spielorte kosten mittlerweile absurd viel Geld. Allein der Stromanschluss kostet heuer 35.000 Euro. Insgesamt bist du schnell bei 200.000 bis 300.000 Euro, nur damit überhaupt ein Theater dasteht. Ich glaube also nicht, dass wir nächstes Jahr wieder so ein Riesenspektakel machen. Ich denke eher an drei kleinere Produktionen. Mehr Schauspiel, intimer, konzentrierter. Gleichzeitig haben wir jetzt eben auch 20.000 Zuschauer. Da trägt man plötzlich Verantwortung und wir können nicht einfach sagen, nächstes Jahr haben wir nur Platz für 5.000. Spektakel wird es also keines mehr werden. Na ja, vielleicht doch, halt ein kleineres Spektakel.
 
Interview: Marina Bernardi
Fotos: Günther Egger

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