
Das Tiroler Lebensgefühl in eine Architektur zu gießen klingt nach einer ziemlichen Herausforderung. Tirol als Ganzes räumlich erfahrbar zu machen, nicht als Abbild, sondern als Annäherung an seine vielschichtige Identität, so lautete es in der Ausschreibung für das Moments, dem neuen Treffpunkt in der Innsbrucker Innenstadt. Ein Raum, der die Marke Tirol mit all ihren Facetten erlebbar machen soll. Wo ein Café mit regionaler Küche auf den Tirol Shop trifft. Wo das Tiroler Lebensgefühl für Einheimische wie Gäste spürbar wird.
Das Ergebnis dieser anspruchsvollen gestalterischen Reise kann man seit 19. März persönlich erleben. Da nämlich wurde zum 25-jährigen Bestehen des Tirol Shops im heurigen Jahr das „Moments“ eröffnet und ein Hotspot der Lebensraum Tirol Gruppe geschaffen, der die exklusiven Tirol-Shop-Kollektionen mit regionaler Bergkulinarik vereint und bereits jetzt zu einem zentralen Treffpunkt der Innsbrucker Innenstadt geworden ist. Ein begleitendes Programm aus verschiedensten Themenveranstaltungen und Talks wird die vielfältige Lebenskultur mit spannenden Formaten unterstreichen und die Location abwechslungsreich beleben. Unter dem Motto „Momente im Fokus“ wartet das Moments Tirol fortan mit einem Programm auf, das die vielfältige Kraft des Landes widerspiegelt. So gehört die Location jeden ersten Montag im Monat mit dem Format „Monday Moments“ lokalen Musiker*innen oder wird mit dem Salon Tirol einmal im Quartal Schauplatz für Kunst und Handwerk. Live-Podcasts, Talkformate und das Moments-Genusslabor runden das Programm ab. Zum unverwechselbaren Geschmackserlebnis lädt auch das Pächter*innen-Duo Sonja Schütz und Tomas Raska ein, die Tiroler Spezialitäten zeitgenössisch interpretieren und mit ihrem innovativen Speisenangebot den Bogen zwischen Tradition und Moderne spannen.
Das richtige Gespür
Mit seinem Verständnis für den Stil und die Wünsche seiner Kund*innen ging Architekt Michael Schmücking an die Aufgabe heran, den 250 Quadratmeter großen und vier Meter hohen Raum identitätsstiftend zu gestalten. Tirol zu verkörpern, ohne dabei in eine einzige Kerbe zu schlagen, und einen Brückenschlag zu inszenieren, der die gesamte Bandbreite der Lebensvielfalt in Tirol widerspiegelt, ist dem Tiroler Architekten mit vielen Aspekten, die sich harmonisch in ein großes Ganzes fügen, nach intensivem Austausch aller Beteiligten sichtlich gelungen. Es ist die Dualität, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Konzept zieht, nicht nur im Design, sondern auch funktionell. Das beginnt bei zwei Scheiben, die sich treffen, den Edelstahlschienen bei den Tischen und setzt sich in vielen kleinen Details bis hin zu zwei Doppel-L-Schienen in den Regalen fort.
Tirol erlebbar machen
Ausgangspunkt des Projektes waren persönliche und kollektive Assoziationen. Der Geruch einer sonnigen Almwiese, die raue Oberfläche einer Hüttenbank, die Wärme am Kachelofen ebenso wie die urbane Dichte und Bewegung im städtischen Bereich. Diese Spannungsfelder bilden die inhaltliche Grundlage des Entwurfs, der Authentizität nicht durch Abbild, sondern durch Material, Konstruktion und Detail schafft. Im Zentrum steht dabei die Felswand. Unterschiedliche Farbtöne und Oberflächen abstrahieren die geologischen Schichten Tirols und übersetzen diese in ein architektonisches Relief. Die Schattenfugen zwischen den Fugen bilden dabei nicht nur konstruktive Elemente, sondern dienen darüber hinaus als integriertes System zur Aufnahme von Ausstellungen und Leuchten – so wird die Wand zum Träger sich wandelnder Inhalte.
Dieses Motiv setzt sich im Bar- und Kassamobiliar fort, dessen Pfeiler aus selbigen Betonplatten entwickelt sind. Die roten Auflager zitieren die historischen Kratzsteine der Innsbrucker Altstadt und verweisen damit auf die Höttinger Breccie als lokal verankertes Material, das wie kein anderer Baustoff in Innsbrucks monumentalen Bauten omnipräsent ist. Diese Bezüge bleiben bewusst fragmentarisch, werden nicht ausgestellt, sondern harmonisch eingebettet.
Drei Felder vertikal abgehängter Lärchenschindeln bilden ein weiteres prägendes Element Tiroler Lebensart. Sie nehmen Bezug auf die vernakuläre Bauweise des Alpenraums und lösen gleichzeitig die Hallenwirkung des vier Meter hohen Raumes auf. Zudem strukturieren die Schindeln aus der letzten Schindelproduktion in Wiesing den großzügigen Raum in Zonen und fungieren somit als atmosphärisches wie raumbildendes Element. Einen eigenständigen Akzent im Shopbereich bildet die sogenannte Pulswand. Als Vollholzlamellenwand zeichnet sie das Inntal auf abstrakte Weise nach und verweist damit auf das topografische und identitätsstiftende Spektrum des Landes. Als bewusst gesetzten Kontrast hat Michael Schmücking den Raum in Rot gefasst, die Farbe des Tirol-Logos. Hinter den roten, abgehängten Akustikplatten an der Decke verbirgt sich beispielsweise die Lüftung, gleichzeitig dämpfen sie auch die Raumhöhe. Grüne Fliesen zieren dazu als Zitat an den heimeligen Kachelofen jene Möbel, die wandern und für verschiedenste Zwecke genutzt werden können. Auch in den kleineren Elementen wie Konsolen, Leuchten oder Tischen setzt sich die Auseinandersetzung der Dualitäten fort. Als Inspirationsquelle dienten dem Tiroler Architekten Werke des italienischen Architekten Carlo Scarpa, der zu den wichtigsten Vertretern der organischen Architektur Italiens zählte.
Mit seinem bewussten Bekenntnis zu Tirol hat Michael Schmücking auch Bedacht darauf genommen, vorrangig Tiroler Betriebe für die Umsetzung des Projekts zu beauftragen. So zeichnet Edeltechnik Kluckner für sämtliche stahlbautechnischen Elemente verantwortlich und das Innsbrucker Traditionsunternehmen Spechtenhauser für die Fertigung der Möbel sowie für die komplexe Konstruktion der Pulswand.
Text: Doris Helweg
Fotos: Gabriel Hyden

