
Ab dem Zeitpunkt, als Christina Poschinger mit zwölf Jahren das erste Mal an einer Nähmaschine saß, wusste sie, dass sie Schneiderin werden möchte. Fokussiert und feinmotorisch werkeln war schon als Kind ihr großes Steckenpferd. Während ihrer dreijährigen Ausbildung an der Hauswirtschaftsschule Rotholz konnte sie tiefer in die Nähkunst eintauchen und lernte, wie man Pyjamas, eine einfache Tracht oder einen Tiroler Jan- ker fertigt. Die anschließende Suche nach einer Lehrstelle als Schneiderin gestaltete sich ob mangelnder Ausbilder in Tirol nicht gerade einfach, dennoch gelang es der engagierten Jugendlichen schließlich, beim namhaften Kitzbüheler Bekleidungsunternehmen Sportalm ihre Ausbildung zur Schneiderin erfolgreich zu absolvieren. „Ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt und konnte in alle Bereiche hineinschnuppern, von der Alltagsbekleidung über Skianzüge bis hin zu Trachten war alles dabei“, erzählt Christina über ihre spannenden Lehrjahre. Nach ihrem Abschluss zur Damenschneiderin hängte sie gleich noch den Herrenschneider dran und belegte kurz darauf einen einjährigen Trachtenkurs in Salzburg. „Es ist nicht einfach, das Trachtenschneidern zu lernen, das war der einzige Kurs in Österreich, bei dem man sich auf das Nähen von Heimatgewändern spezialisieren kann.“ Ihrem großen Ziel, sich als Schneiderin selbstständig zu machen, schon ziemlich nahe, absolvierte die geschickte Näherin noch die Meisterprüfung zur Kleidermacherin. Im Herbst 2025 eröffnete Christina ihre eigene Meisterschneiderei in der Wildschönau. Und weil sie dabei mit sehr viel Herzblut bei der Sache ist, gab sie ihr schlichtweg den Namen „Herzgwond“.
Klein und fein hat sie sich ihr eigenes Nährefugium am Hof ihres Lebensgefährten geschaffen mit der Option, künftig auch erweitern zu können. Sie scheint mit ihrer Spezialisierung auf Trachten in der Tat eine Nische zu besetzen, denn die Aufträge flattern seit der Eröffnung nur so herein: „Die Nachfrage ist groß und ich bin schon mit einigen Großaufträgen von Musikkapellen und Trachtenvereinen ziemlich beschäftigt“, freut sich die sympathische Wildschönauerin über die vielen begeisterten Kund*innen.
Edles Heimatgewand
Trachtenschneidern ist fürwahr Maßarbeit für ein mitunter lebenslanges oder gar generationenübergreifendes Kleidungsstück. Denn Trachten und Dirndln sind weit mehr als nur ein Kleidungsstück, sie sind Teil der alpenländischen Kultur und ein Ausdruck von Heimatgefühl und gelebter Tradition. Daher kommt es nicht selten vor, dass so ein edles Gewand oder Erbstück neu angepasst, geändert oder frisch aufgepeppt werden muss.
Ob für eine neue Tracht oder die Änderung beziehungsweise Aufarbeitung eines bestehenden Gewandes beginnt die Arbeit immer mit einem persönlichen Gespräch, professioneller Beratung und dem genauen Maßnehmen der Kund*innen. Dabei hat Christinas professioneller Blick alles im Auge: „Da gibt es sehr viel zu beachten. Kein Mensch ist gleich. Die eine Kundschaft hat eine Skoliose, die andere vielleicht ein Hohlkreuz oder schiefe Schultern“, weiß die Schneiderin über die körperlichen Unterschiede der Menschen. Diese genauen Beobachtungen fließen direkt in ihr Bild im Kopf, das meist bereits während des Gesprächs entsteht. „Bis jetzt wussten eigentlich die meisten Kundschaften, was sie wollen, zumindest in groben Zügen. Auch wenn Trachten als spezifische Kleidung einer bestimmten Region gewissen Vorgaben unterliegen, so gibt es doch Spielräume in der Ausarbeitung: Soll die Tracht oder das Dirndl hinten gereiht und die Schürze gesmoked sein? Das Mieder geschnürt, mit Knöpfen oder Reißverschluss versehen sein und in der Ausführung gesteppt oder paspeliert? Mit oder ohne Ärmel? Die Bluse einen Rundhals- oder V-Ausschnitt haben? Es gibt so viele Details, die man von Anbeginn berücksichtigen muss“, erklärt die Trachtenschneiderin. Mit ihrem Gespür für Stoff- und Farbkombinationen und ihrem Blick für die individuelle Passform kreiert sie die wertvollen Gewänder so, dass sie den künftigen Träger*innen perfekt schmeicheln. „Dabei muss man mitunter auch mal den Mut haben, die Kund*innen mit feinfühligen Anmerkungen auf etwaige Unstimmigkeiten hinzuweisen“, sagt Christina und betont: „Eine Tracht lässt man sich meistens nur einmal im Leben nähen, da ist es besonders wichtig, dass sich die Besitzer*innen darin auch rundum wohlfühlen und die Ausarbeitung individuell auf sie abgestimmt ist.“
Der richtige Stoff
Ein wesentlicher Aspekt ist dabei die Wahl der Stoffe. Dafür hält Christina in ihrer Schneiderei eine beachtliche Auswahl an Stoffmustern bereit, die sie größtenteils von einer Weberei mit modernen Jacquard-Webstühlen am Chiemsee bezieht. Während sie für Mieder und Röcke gerne Woll- oder Seidenbrokat und Samt verwendet, kommen bei den Schürzen eher leichtere, fließende Baumwoll- oder Seidenstoffe zum Einsatz.
Ist der Stoff ausgewählt, Maß genommen und der Schnitt gezeichnet, fängt die hohe Handwerkskunst des Schneiderns erst richtig an. Denn viele Schritte wie das Smoken, Paspelieren, Sticken und Einnähen der Perlen erfolgen in akribischer und stundenlanger Handarbeit. Dazu braucht es zweifelsohne eine ruhige Hand, Geduld und ein hohes Maß an Fingerfertigkeit. Aber auch an der Nähmaschine ist präzise Feinarbeit gefragt. „Diese vielfältigen Möglichkeiten bis ins winzigste Detail machen meine Arbeit für mich so spannend und abwechslungsreich. Da kann ich so richtig drin versinken“, schwärmt die Meisterschneiderin, die sehr sorgsam mit ihren Werken umgeht. Denn bei derart hochwertigen Stoffen muss jeder Stich präzise sitzen. Ebenso ist eine blitzschnelle Reaktion gefragt, wenn sie sich trotz aller Achtsamkeit mal in den Finger piekst: „Das kommt leider auch hin und wieder vor. Deshalb muss man insbesondere bei Brautkleidern sehr vorsichtig ans Werk gehen.“
Kassettl – eine besondere Tracht
Eine speziell im Unterinntal verbreitete Festtracht ist das sogenannte „Kassettl“. In früheren Zeiten kamen junge Frauen aufgrund ihrer Hochzeit in den Besitz dieses edlen Kleidungsstücks, das für sie zum Festgewand wurde und sie ein Leben lang begleitete. Heute leisten sich moderne Frauen ihr Kassettl selbst und lassen es sich von spezialisierten Trachtenschneiderinnen wie Christina Poschinger maßanfertigen. „Das Kassettl oder auch Röcklgwand genannt ist bei uns im Unterland eine der aufwändigsten Trachten. Es zeichnet sich durch seine durchgängig schwarze Farbe von Mieder und Rock und seinen rechteckigen Ausschnitt aus. Meist werden sie aus feinster schwarzer Schurwolle genäht und mit prachtvollen Stickereien in Samt und Seide veredelt.“ Je nach Region werden die Ärmel zum Teil gesmokt, eine sehr aufwändige Handarbeit: „Smoken ist eine Sticktechnik, bei der der Stoff mit Gummifäden gerafft wird, damit er dehnbarer wird. Dabei können beispielsweise auch feine Perlen eingearbeitet werden. Diese Technik wird vor allem bei Schürzen, beim Kassettl auch beim Arm eingesetzt. Beim Paspelieren wiederum werden feine längs gefaltete Stoffstreifen mit einer Schnur aus Stoff oder Rosshaar eingenäht und je nach Design durch Abnäher noch querverlaufende Muster geschaffen. In der Trachtenwelt fungieren diese Paspeln als Stilmittel bei Krägen, Ziernähten zum Betonen des Schnittes.“ Die Kassettlschürze wird aus großblumigem Seidenbrokat genäht – weiß zur Hochzeit, schwarz zur Beerdigung und dazwischen liegt das Leben. „Bei der Schürze sind alle Farben erlaubt, es wird jedoch großer Wert darauf gelegt, dass die Farbe mit der Trägerin harmoniert“, erklärt Poschinger.
Festgewand für Generationen
Es sind die vielen kleinen Details, die eine Tracht oder ein Dirndl zum ganz persönlichen Festgewand machen. Auch heute noch. Das Heimatgewand hat wieder Einzug gehalten in unseren Garderoben. Das einstige robuste Arbeitsgewand hat im späten 19. Jahrhundert eine Renaissance erfahren, nachdem Bürgertum und Adel traditionelle Elemente mit modischen verbanden und die Tracht salonfähig machten. Besonders bei traditionellen Festen, Hochzeiten oder Volksfesten sowie im Gastgewerbe erfreut sie sich mehr denn je großer Beliebtheit.
Ist das edle Stück genäht und die letzte Anprobe erfolgt, tragen die Besitzer*innen ihre Maßanfertigung mit Stolz. Diese Freude von Kund*innen an ihren traditionellen und maßgeschneiderten Kleidungsstücken ist für Christina der größte Ansporn, ihr seltenes Handwerk stetig weiterzuverfolgen.
Text: Doris Helweg Fotos: Christina Poschinger

