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Life

Genuss für die Seele

9.6.2026

Vor den Fenstern des ehemaligen Gasthofs Sonne in Matrei in Osttirol ziehen die Nebel in der Tauerngemeinde hin und her. Verena Ganzer sitzt vor dem Fenster an ihrem Klavier und spielt. Flink und intuitiv gleiten ihre Hände über die Tasten, lassen Töne und Zwischentöne erklingen – wie sie auch das Leben spielt. Intuition ist Verena Ganzer wichtig. Sie kann sich auf ihr Bauchgefühl verlassen.

Aufgewachsen ist Ganzer als klassisches Gasthauskind, im Erdgeschoss herrschte Gastbetrieb, im Keller gab es eine Diskothek, den legendären Sonnenkeller. Die Eltern hatten außerdem noch ein Hotel in Matrei, das heute von ihrem Bruder geführt wird. Es war eine Zeit reger Betriebsamkeit, Verena Ganzer hat schon als Kind in den elterlichen Betrieben mitgeholfen. Ihr Weg schien vorgezeichnet: Tourismusschule in Villach, Arbeit in Saisonbetrieben, Praktika im In- und Ausland, in der Wintersaison Mitarbeit im Familienbetrieb. Ihre Kochlaufbahn nimmt in einem Hotel im Salzburger Großarl ihren Anfang, wo sie mehrere Stationen durchläuft, ehe sie nach Matrei zurückkehrt und unter Küchenchef Werner Wibmer drei Jahre im haubendekorierten Restaurant des Hotel Outside kocht. „Von ihm habe ich sehr viel lernen dürfen“, sagt sie. Als Wibmer eine neue Position antritt, übernimmt sie seine Agenden. Drei weitere Jahre, bis 2021, arbeitete sie dort als Küchenchefin. Ihre Küche kommt gut an, aber der jungen Köchin fehlt etwas, sie sehnt sich nach einer Veränderung. Was sich ändern muss, weiß sie zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht genau. „Ich habe einfach einen Cut gebraucht“, sagt sie.

Verena Ganzer plagt das Fernweh. Sie möchte die Welt kennenlernen – und dabei zu sich selbst finden. „Ich habe meine Wohnung ausgeräumt, mein Auto verkauft, meine Beziehung ist in die Brüche gegangen.“ Ganzer reist allein nach Fuerteventura, bucht dort einen Kurs in einer Sprachschule – drei Wochen, um Spanisch und Surfen zu lernen. Die Inhaber der Schule sind mittlerweile gute Freunde geworden, Fuerteventura ist heute sogar so etwas wie Verena Ganzers zweite Heimat. Zunächst kommt sie gegen die Wellen und Strömungen nicht an. Beim Surfen ebenso wie beim Durcheinander in ihrem Inneren. „Das hat mir gezeigt, dass ich noch nicht so weit bin. So bin ich überhaupt erst zum Yoga gekommen.“ Yoga ist heute eines ihrer wichtigsten Standbeine, privat und beruflich. Nicht mehr wegzudenken. Die fernöstliche Philosophie hilft ihr dabei, zur Ruhe zu kommen. „Es geht darum, jede Spannung im Körper loszulassen – und einfach nur zu sein.“ Sein ist, könnte man argumentieren, der höchste Zustand des Werdens. Shavasana, die „Totenstellung“, die essenzielle Schlussentspannung im Yoga, die Körper und Geist durch regungsloses Liegen auf dem Rücken in einen Zustand tiefer Ruhe versetzt, zieht Verena Ganzer immer wieder zum Yoga zurück. Yoga und ein damit verbundener gesunder und achtsamer Lebensstil sind heute für die Spitzenköchin und begeisterte Yoga-Praktikerin ganz selbstverständlich geworden.

Zeit für Sonne

„Yoga & Meditation. Sinnliche Küche. Brotback-Workshops.“ So fasst sie ihr berufliches Spektrum zusammen, das sie mit ihrer SonnZeit abdeckt. Das Kochen ist dabei nicht etwa aus dem Fokus geraten, sondern hat gewissermaßen Geschwister bekommen. Yoga, Backen, und ab und an ein wenig Musizieren. „Yoga“, sagt sie, „findet nicht nur auf der Matte statt. Yoga ist ein Mindset.“ Gerade in unserer leistungsorientierten Gesellschaft werde Yoga häufig missverstanden, verkomme zum Wettbewerb, bei dem man sich miteinander vergleicht. Yoga ist kein Leistungssport und erst recht keine Ware, die man einfach so konsumieren kann. „Es geht darum, ganz im Moment zu sein, Dankbarkeit spüren zu können, sich selbst wahrzunehmen.“ Verena Ganzer kennt sich als Spitzenköchin klarerweise mit Töpfen und Pfannen aus. Dementsprechend fällt es ihr auch nicht schwer, ihrer Handpan Wohlklänge zu entlocken.

Immer noch auf Reisen

Am Anfang ihres beinahe fluchtartigen Selbstfindungstrips wollte sich Verena Ganzer zumindest sechs Monate Zeit geben. Daraus sind eineinhalb Jahre geworden. USA. Mexiko. Costa Rica. Portugal, wiederholt zurück nach Fuerteventura, ihre Homebase. Danach bereiste sie Südostasien. In Bali – ursprünglich ging sie zum Surfen dorthin – vertiefte sie ihre Liebe zum Yoga und machte schließlich in Indien eine Yoga-Ausbildung. Auf Lombok, einer Insel in Indonesien, lebte sie drei Monate unter Einheimischen im kleinen Fischerdorf Gerupuk. Obwohl sie heute wieder zurück ist in der alten Heimat, fühlt sich Verena Ganzer so, als sei sie „immer noch auf Reisen.“ Das ganze Leben ist eine Reise, wenn man nicht stagnieren möchte. Der Tapetenwechsel hat der Köchin jedenfalls gut getan. Sie wirkt mit sich und der Welt im Reinen, ist im Flow. „Ich bin sehr gern daheim und kann es wertschätzen, wie wir hier leben dürfen.“ Da sie bei sich angekommen ist, reist sie heute nur noch, um sich frische Inspiration zu holen. Ihre große Reise zu den Wellen und zu sich selbst hat Verena Ganzers Leben nicht nur geprägt, sondern von Grund auf verändert. „Es ist ein anderes Leben“, sagt sie.

Großartig gekocht hat Verena Ganzer auch schon vor ihrer Weltreise. Heute kocht sie dennoch anders, hat sich weiterentwickelt, persönlich wie kulinarisch. Bewusste Ernährung steht im Zentrum, Lebensmittel, die eine Seele haben, den Körper und Geist nähren können. Soul Food. „Hochwertige Lebensmittel aus der Region, kombiniert mit Einflüssen, die ich aus Indien, Spanien, Indonesien und anderen Ländern mitgenommen habe. Die landestypische Küche hat mich überall interessiert, ich habe viel und gerne gegessen – und überall etwas mitgenommen“, erzählt sie.

Das Thema Ernährung hängt auch mit Yoga zusammen. „Was wir essen, ist unser Antrieb, aus unserer Nahrung entstehen die Bausteine unseres Körpers“, sagt sie. Man ist, was man isst. Ernährung sei deshalb etwas Intimes und Sinnliches. Deshalb nähert sich Ganzer dem Kochen und Backen mit Lust, Gelassenheit und positiver Energie. „Wenn die Oma früher etwas gekocht hat, hat es gut geschmeckt, weil es mit Liebe gekocht wurde. Gerichte aus der Massenproduktion sind dagegen leer und ohne Charakter.“ Verena Ganzer legt Wert darauf, dass entlang der gesamten Produktionskette gute Vibes im Spiel sind.

Entdecke dich durch deine Sinne

Für Gruppen bis 16 Personen hat Verena Ganzer ihr SonnZeit-Dinner im Angebot. Es gibt ein Menü nach Vereinbarung. Verena Ganzer kocht zur Zeit bevorzugt vegetarisch, mit alkoholfreier Speisenbegleitung. Das erscheint ihr logisch, weil dieses Format unter dem Motto „Entdecke dich durch deine Sinne“ läuft und Alkohol bekanntermaßen das Gegenteil bewirkt. „Vegetarisch zu kochen ist absolut nicht einschränkend. Wenn man weiß, wie es geht, könnte man zum Beispiel aus Karotten ein ganzes Menü zubereiten.“ Es geht Ganzer um ein gesamtheitliches Erlebnis, um Schmecken, Riechen, Hören. Fallweise wird mit den Händen gegessen – und mit dem ganzen Körper genossen. Zum Start serviert sie gerne einen Shot, eine kompakte Geschmacksexplosion, gewissermaßen als Signal: Ich bin da, im Hier und Jetzt. Präsenz mit allen Sinnen. Zum Brotbacken hat Verena Ganzer sich im Keller eine Backstube eingerichtet. Brot ist für sie etwas Ursprüngliches, etwas ganz Elementares. Feuer, Wasser, Erde, Luft, fertig. Das Kneten des Brotteigs hat etwas Meditatives, das gemeinsame Brechen des Brotes beim Brunch etwas Gemeinschaftliches und Verbindendes.

Auf der Unsicherheit tanzen

„Ob ich koche, backe oder auf der Yogamatte stehe, macht für mich vom Mindset her keinen Unterschied“, sagt sie. Ihre SonnZeit steht auf diesen drei Standbeinen. Es ist kein Selbstläufer, sondern ein zartes Pflänzchen, aber der Zuspruch – und damit Erfolg – wächst. „Auf dieser Unsicherheit tanzen zu lernen, ist eine Herausforderung“, sagt Ganzer. Natürlich gibt es auch Tage, an denen Selbstzweifel an der jungen Matreierin nagen. An denen sie Mühe damit hat, zu vertrauen. Ihr neuer beruflicher und privater Weg belohnt sie mit einem höheren Freiheitsgrad, als es in ihrem alten Leben möglich gewesen ist. „Ich gebe mir bewusst Raum und vertraue darauf, dass Neues entstehen kann.“ Verena Ganzer sprudelt vor Ideen. Die Kunst ist es, alles unter einen Hut zu bringen, damit es für sie passt. Sie würde gerne vermehrt Retreats begleiten, mit Kulinarik, Meditation, Yoga. Das Hochleistungssystem Haubenküche hat Verena Ganzer vorerst einmal hinter sich gelassen und gegen eine Art des Kochens und Lebens ausgetauscht, die ihr Energie gibt und nicht raubt.

Text und Fotos: Marian Kröll

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