
Während Nahrung und Kleidung grundlegende Bedürfnisse erfüllen, schafft Wohnen den Raum, in dem Leben überhaupt erst Gestalt annimmt. Hier ziehen wir uns zurück, hier öffnen wir uns anderen, hier ordnen wir die Welt und manchmal auch uns selbst. Wohnen ist damit kein bloßes Grundbedürfnis, sondern ein kulturelles, soziales und zutiefst persönliches Phänomen.
Rational betrachtet erfüllt Wohnen klare Funktionen: Schutz vor Witterung, Sicherheit, Privatsphäre, Organisation des Alltags. Grundrisse folgen Abläufen, Materialien technischen Anforderungen, Energiekonzepte ökonomischen und ökologischen Notwendigkeiten. Lage, Infrastruktur, Baukosten und Werthaltigkeit spielen ebenso eine Rolle wie Normen, Bauordnungen und Nachhaltigkeitszertifikate. Wohnen ist planbar, messbar, optimierbar. Zumindest auf dem Papier. Doch kein Wohnraum erschöpft sich in Zahlen und Fakten. Emotional beginnt Wohnen dort, wo Rationalität endet: im Gefühl von Geborgenheit, Identität und Zugehörigkeit. Ein Zuhause ist der Ort, an dem Erinnerungen entstehen, Rituale wachsen und Persönlichkeit sichtbar wird. Lichtstimmungen, Proportionen, Materialien oder Ausblicke wirken unmittelbar auf unser Wohlbefinden. Wohnen erzählt Geschichten von Herkunft und Zukunft, von Individualität und Gemeinschaft, von Sehnsüchten und Kompromissen. Deshalb kann ein Raum technisch perfekt und dennoch seelenlos sein oder einfach, aber zutiefst berührend.
In diesem Spannungsfeld erklärt sich auch die anhaltende Faszination fürs Einfamilienhaus. Für viele ist es nach wie vor das Maß aller Dinge und Sinnbild für Freiheit, Selbstbestimmung und Stabilität. Ein eigenes Haus steht für Ankommen, für Unabhängigkeit, für einen Ort, der dauerhaft gestaltet werden darf. Es verkörpert den Wunsch nach Privatheit und Verwurzelung und wird zum Gegenpol zur Verdichtung und Beschleunigung unserer Zeit. Laut der Tiroler Wohnbaustudie 2025 der Sparkasse Tirol bleibt der Traum vom Eigenheim fest verankert. Trotz der aktuell widrigen Umstände möchten 72 Prozent der Tiroler*innen im Eigentum wohnen, jeder Dritte dabei am Land oder einem kleinen Ort in Stadtnähe. Dabei ist der Begriff des „Einfamilienhauses“ eigentlich irreführend, befindet unter anderem Johanna Adorján im Vorwort zum Buch „Häuser des Jahres“, das im Callwey Verlag alljährlich parallel zum gleichnamigen Award erscheint: „Weder muss in einem Einfamilienhaus eine FAMILIE wohnen noch EINE Familie. Noch handelt es sich hierbei zwangsläufig um ein Haus.“ Patchwork-Konstellationen, Mehrgenerationenwohnen (das sich laut Wohnbaustudie in Tirol übrigens sechs von zehn Befragten vorstellen könnten), Wohnen und Arbeiten unter einem Dach oder flexible Lebensmodelle sprengen die Definition längst. Was bleibt, ist weniger die Typologie als die Idee: ein individuell geprägter Lebensraum, der sich an den Menschen orientiert, nicht umgekehrt.
Gerade heute, im Angesicht von Klimawandel, Ressourcenknappheit und gesellschaftlichem Wandel, steht das Wohnen vor neuen Fragen. Wie viel Raum brauchen wir wirklich? Wie können wir nachhaltiger, gemeinschaftlicher und dennoch individuell wohnen? Und wie sieht das „Haus“ aus, das diesen Ansprüchen gerecht wird? Antworten darauf geben jedes Jahr herausragende Beispiele zeitgenössischer Architektur, prämiert vom Callwey Verlag und seinen Partnern mit den „Häusern des Jahres“. Sie zeigen, wie vielfältig, innovativ und überraschend Wohnen heute gedacht werden kann. Nicht als Standardlösung, sondern als Haltung. Als Architektur, die mehr ist als gebauter Raum: nämlich gelebte Idee. Zu den Projekte geht es hier lang: www.haeuser-des-jahres.com
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HÄUSER DES JAHRES
Claire Beerman, Eva Maria Herrmann, Callwey Verlag, 320 Seiten, EUR 61,70
Der Award „Häuser des Jahres“ wurde bereits zum 15. Mal verliehen und zählt zu den wichtigsten Awards der Branche. Die gleichnamige Publikation präsentiert die von einer Expertenjury ausgewählten 50 besten, von Architekt*innen geplanten Einfamilienhäuser im deutschsprachigen Raum. Die Häuser des Jahres 2025 werden in Text, Bild und mithilfe von Plänen ausführlich vorgestellt und gewähren so einen Einblick in 50 individuelle Planungsgeschichten von Architekt*innen und Bauherr*innen, die gemeinsam Wohn- und Lebens(t)räume realisiert haben – ob aus Stein, Holz oder Beton, am Hang, in der Stadt oder auf dem Land. 50 weitere beispielhafte Bauten werden in der Longlist mit je einem Bild gezeigt. Zudem überzeugen die besten ausgezeichneten Produktlösungen durch Innovation, Gestaltung und Nachhaltigkeit.
Im Bild das Siegerprojekt aus Feldkirchen bei München.
Fotos: Florian Holzherr

