
Wenn über Kultur gesprochen wird, geht es oft um Budgets, Besucherzahlen und die Frage, ob öffentlich finanzierte Kultur überhaupt noch zeitgemäß und notwendig sei. Doch Kulturinstitutionen sorgen für weit mehr als bloße Unterhaltung. Kultur ist kein Luxus, sondern ein zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Ein Raum für Begegnung, Austausch und neue Perspektiven. Deshalb sieht sich das Tiroler Landestheater auch stark in der Rolle des Vermittlers zwischen Kultur und Publikum. Martina Natter verantwortet dabei das Format ZUGABE, das Musikvermittlungsprogramm des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck, arbeitet eng mit dem Kinderchor und dem Jungen Theater zusammen und erdenkt gemeinsam mit Theaterpädagogin Daniela Oberrauch Workshops und Projekte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ihr kreativer Zugang und Gespür für publikumswirksame Formate hilft dabei, das Tiroler Landestheater sukzessive immer weiter nach außen und in alle Gesellschafts- und Altersschichten zu tragen. Die „Night at the Movies“ im Großen Haus, in der das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter szenischer Moderation Filmmusik spielt, ist bereits kultverdächtig, auch die Klangwerkstatt, in der Juliana Haider als hinreißend geschäftige Hausmeisterin die Kinder zum Mitmachen animiert, ist stets im Handumdrehen ausverkauft. Mit Samuel Plieger und Paul Pichler matchten sich in dieser Spielzeit zudem erstmals zwei junge Tiroler Beatbox-Virtuosen mit dem Symphonieorchester. Auch die Kommunikation nach außen hat sich mit frechen Sprüchen auf Plakaten und dem Haus selbst deutlich verändert. Wir haben mit Irene Girkinger, Intendatin des Tiroler Landestheaters, und Martina Natter darüber gesprochen, warum Theater heute wichtiger sein könnte denn je und warum das Theater nicht nur ein Bühne ist, sondern Gastgeber – für ein möglichst breites, vielfältiges Publikum.
ECO.NOVA: Gerade in Zeiten, in denen Politik und Öffentlichkeit stark auf wirtschaftliche oder sicherheitspolitische Fragen fokussieren, muss sich vor allem öffentlich finanzierte Kultur immer wieder rechtfertigen. Was sagen Sie jemandem, der fragt: Warum braucht es Theater überhaupt noch?
IRENE GIRKINGER: Für mich hängt diese Frage stark mit dem grundsätzlichen Theaterverständnis zusammen. Theater, Musik, Kunst und Kultur sind ein essenzieller Bestandteil unseres Lebens und unserer Gesellschaft. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen viele Begegnungs- und Diskursräume immer mehr zurückgedrängt werden oder sich ins Digitale verlagern, braucht es Orte, an denen Menschen zusammenkommen können. Theater ist ein Raum, in dem gesellschaftliche Themen verhandelt werden können, im Sinne eines gemeinsamen Nachdenkens über die Welt.
MARTINA NATTER: Ich gehe in diesen Punkten vollumfänglich mit. Kultur hat einen enormen Stellenwert für unsere Bildung und damit meine ich nicht nur die Wissensbildung, sondern auch eine Art von Herzensbildung. Kultur prägt unsere Art, die Welt zu begreifen. Gleichzeitig erfüllt sie eine wichtige soziale Funktion als so genannter dritter Ort. Der erste ist das Zuhause, der zweite die Arbeit und der dritte sind Orte der Begegnung. Kulturinstitutionen können genau solche Räume eröffnen, in denen Menschen zusammenkommen, sich austauschen und gemeinsam etwas erleben.
Es geht also um weit mehr als Unterhaltung?
IRENE GIRKINGER: Die gehört selbstverständlich dazu. Theater war immer auch Unterhaltung. Wenn man sich anschaut, wie Theater und andere Kunstformen entstanden sind, sieht man, dass es immer um Darbietung, um gemeinsames Erleben und um Spiel gegangen ist. Das ist etwas zutiefst Menschliches. Doch Theater ist mehr. Es kann inspirieren, berühren, irritieren und neue Blickwinkel eröffnen. Theater ist ein Live-Erlebnis, das man miteinander teilt, und diese unmittelbare Erfahrung, das gemeinsame Eintauchen in Geschichten, Musik oder Bewegung hat eine ganz eigene Qualität. Gleichzeitig eröffnet es Räume für Fantasie und neue Gedanken. In einer sehr schnellen und oft stark rational geprägten Welt ist das eine wichtige Ergänzung.
Viele junge Menschen kommen das erste Mal über die Schule mit dem Theater in Kontakt. Wie schafft man es, dass sie später freiwillig wiederkommen?
MARTINA NATTER: Der Erstkontakt läuft tatsächlich häufig über Schulen, aber nicht ausschließlich. Das Programm ist ein entscheidender Faktor. Als wir im vergangenen Herbst einen Beatboxer zu Gast hatten, der gemeinsam mit dem Symphonieorchester aufgetreten ist, war ein sehr junges Publikum da. Solche Formate zeigen, dass unterschiedliche musikalische Welten miteinander in Dialog treten können. Das ist gleichzeitig auch sehr symbolisch für das Haus und sein Publikum. Es geht immer darum, auszuloten, wo man voneinander lernen kann und wo sich im Programm Überschneidungen mit den Lebenswelten der Menschen ergeben.
Neigt man dazu, junge Menschen zu unterschätzen, wenn es um ihr Interesse an Kunst und Kultur geht?
IRENE GIRKINGER: Ich glaube nicht, dass wir sie unterschätzen, im Gegenteil: Wir erleben sehr oft, dass junge Menschen sehr interessiert sind. Auch bei klassischen Formaten wie Schauspiel oder Oper sehen wir inzwischen ein deutlich jüngeres Publikum zwischen 20 und Mitte 30. Besonders im Tanzbereich und den Kammerspielen erreichen wir ein ganz neues Publikum. Wichtig ist, dass Programm und Inhalte eine Verbindung zur Lebensrealität haben. Das kann über die Themen passieren, über Ästhetik oder über die beteiligten Künstler*innen. Ein gutes Beispiel war die Uraufführung eines Stückes der jungen Tiroler Dramatikerin Lisa Wenz über Generationenkonflikte, das sich viele junge Menschen angeschaut haben, weil sie gespürt haben, dass das Stück etwas mit ihren eigenen Erfahrungen zu tun hat. Als Intendantin ist es meine Aufgabe, ein Gesamtpaket zu schnüren. Es muss Angebote für regelmäßige Theaterbesucher*innen geben sowie Formate, die jene Menschen neugierig machen, die vielleicht noch nie im Theater waren. Dabei geht es nicht nur um junge Menschen, sondern auch um Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen. Theater soll für alle sein.
Theater gilt dennoch für manche Menschen als elitär. Wie begegnet man diesem Bild?
IRENE GIRKINGER: Ich denke, das hat historische Gründe, entspricht jedoch nicht mehr der Realität. Unser Ziel ist es, das Theater möglichst offen zu gestalten. Wir versuchen, mit verschiedenen Formaten unterschiedliche Zugänge zu schaffen und damit diese Schwellenangst abzubauen. Viele Menschen glauben, Theater sei ein Ort, an dem man nur hingehen kann, wenn man entsprechendes Vorwissen hat und sich besonders kleidet. Diese Barrieren versuchen wir bewusst abzubauen. Ja, das Theater ist ein besonderer Ort. Dieses Besondere soll jedoch nichts Abwehrendes haben, sondern etwas Einladendes. Für mich hat das viel mit Gastgeberinnenschaft zu tun. Kulturinstitutionen beginnen, sich zunehmend als Gastgeberinnen zu verstehen, was bedeutet, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich willkommen fühlen. Wir stellen einen Rahmen zur Verfügung, in denen völlig unvoreingenommen Begegnung stattfinden kann.
MARTINA NATTER: Hier setzt auch unsere Vermittlungsarbeit an. Verschiedene Programme und Formate versuchen, Menschen an Musik und Theater heranzuführen, die vielleicht noch keinen Zugang dazu haben oder glauben, das „sei nichts für sie“. Vieles davon richtet sich an Kinder und Jugendliche, weil frühe Erfahrungen entscheidend sind und sie damit schon früh erleben können, dass Musik und Theater ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens sein können. Mir ist aber wichtig zu betonen, dass Vermittlung nicht nur als Bildungsprogramm für Schulen oder nur für junge Menschen gedacht ist, sondern für alle, die neugierig sind.
IRENE GIRKINGER: Vermittlungsarbeit funktioniert dabei in zwei Richtungen. Einerseits öffnen wir unsere Häuser, andererseits gehen wir auch hinaus – an Schulen, wir spielen aber auch in den Bögen, im Altersheim, bei Stadtteilfesten, in der Straßenbahn oder bei der Shoppingnight. Wir sind Teil der Stadtgesellschaft und dieses Landes und bereichern den Kulturraum mit Leben, Diversität und Offenheit. Es ist mir wichtig, damit auch Menschen zu erreichen, die vielleicht nicht automatisch sagen würden, ein Theaterbesuch gehöre für sie zum Alltag.
Geht es in der Vermittlungsarbeit vorrangig darum, Kunst und Kultur an sich zu erklären, oder steht der Austausch im Vordergrund?
MARTINA NATTER: Für mich steht ganz klar ein ganzheitliches, sinnliches Erleben im Vordergrund. Natürlich gehört auch Wissensvermittlung dazu, aber ich versuche, bewusst nicht zu erklären. Wenn man sagt „Ich weiß etwas, das du nicht weißt“, schafft das automatisch eine Hierarchie. Viel spannender ist es, sich auf Augenhöhe zu begegnen, zuzuhören, was der andere mitbringt, und dann gemeinsam etwas zu erleben. Ein Beispiel dafür ist unser Konzertformat „Blind Date“, bei dem wir vorher weder verraten, wer spielt noch was gespielt wird. Die Idee ist, dass das Publikum ohne Vorwissen und Vorbereitung kommt und sich einfach auf die Musik einlässt.
IRENE GIRKINGER: Die Vermittlungsarbeit kann ganz unterschiedlich aussehen. Es gibt Workshops, bei denen Menschen selbst musikalisch aktiv werden, Gespräche mit Künstler*innen oder Einführungen vor Vorstellungen. Dabei geht es auch darum, Einblicke in die Entstehung eines Stücks zu geben oder musikalische Zusammenhänge verständlicher zu machen. Das gilt auch fürs Schauspiel. Solche Formate können sehr bereichernd sein und zeigen, dass Theater kein abgeschlossener Raum ist, sondern ein lebendiger Prozess. Wenn wir sagen, Theater soll ein Raum für alle sein, dann müssen wir das auch aktiv gestalten. Das betrifft nicht nur das Programm, sondern auch die Atmosphäre im Haus. Ein Theater darf kein steriler, anonymer Ort sein, sondern Menschen sollen sich hier willkommen fühlen, unabhängig davon, ob sie regelmäßig ins Theater gehen oder zum ersten Mal da sind.
MARTINA NATTER: Diese Haltung ist für mich auch in der Vermittlungsarbeit wichtig. Wenn Menschen das Gefühl haben, willkommen zu sein und Fragen stellen zu dürfen, entstehen ganz andere Zugänge zu Musik und Theater. Im Tiroler Landestheater darf man neugierig sein und soll sich eingeladen fühlen, Teil des kulturellen Raums zu werden. Kultur ist immer etwas Gemeinsames und entsteht aus dem Austausch zwischen Künstler*innen und Publikum und letztlich aus der Vielfalt der Perspektiven, die diese Menschen mitbringen.
Vermittlungsformate wirken oft lockerer, doch dahinter steckt viel Konzeptarbeit. Wie lange dauert der Prozess von der Idee bis zum neuen Programm?
MARTINA NATTER: Die Vorlaufzeiten sind tatsächlich sehr lang. Es braucht viel Planung und Erfahrung, um die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Gerade bei Projekten mit dem Symphonieorchester, das generell ein dichtes Programm spielt, ist der Spielraum durch die Strukturen und organisatorische Vorgaben eng. Trotzdem versuchen wir, immer wieder neue Ideen umzusetzen. Im Schauspiel ist der Rahmen etwas größer.
IRENE GIRKINGER: Bei großen Projekten sprechen wir von Planungshorizonten von bis zu zwei Jahren. Das liegt auch daran, dass viele Bereiche und Menschen zusammenfinden müssen. Doch es ist uns wichtig, dass die Vermittlungsprojekte nicht als Zusatzprogramm gesehen werden, sondern als gleichwertiger Bestandteil des Spielplans.
Können Sie sich noch an Ihren ersten eigenen Theaterbesuch erinnern?
IRENE GIRKINGER: Das war im Theater des Kindes in Linz, von wo ich ursprünglich komme. Linz hatte schon sehr früh eine große Kinder- und Jugendtheaterszene. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich auf diesen Sitzmatten gesessen bin und total begeistert war. Später hat mich Theater Phönix kulturell sozialisiert. Mein erster Opernbesuch war der Maskenball in der Wiener Staatsoper, als ich 15 Jahre alt war. Das Ambiente hat mich sehr beeindruckt. Ein Jahr davor war ich im Phantom der Oper, ich glaube, im Ronacher.
MARTINA NATTER: Bei wir war es die Zauberflöte auf der Seebühne in Bregenz. Für meinen Zugang zur Musik hat auch die Musikschule eine große Rolle gespielt.
Was sollen Menschen – egal welchen Alters – von ihrem ersten Besuch im Landestheater mitnehmen?
IRENE GIRKINGER: Mögliche Entwürfe des Unmöglichen. Vor allem aber eine persönliche Berührung. Einen Gedanken, eine Emotion, eine neue Perspektive. Es geht nicht darum, alles zu verstehen. Es reicht, wenn man sich auf etwas einlässt und über etwas nachdenkt, über das man sonst vielleicht nicht nachgedacht hätte.
MARTINA NATTER: Und diesen Zauber, der entsteht, wenn man sich wirklich in ein Konzert oder eine Aufführung fallen lassen kann. Dieses Gefühl, berührt zu werden und vielleicht ein kleines bisschen verändert wieder hinauszugehen.
IRENE GIRKINGER: Und natürlich hoffen wir, dass die Menschen wiederkommen möchten und sie das Gefühl haben, immer willkommen zu sein.
Interview: Marina Bernardi
Fotos: Leon Arevalo

