
Die junge Industrie. Nur wenig ist über sie bekannt. Man kennt zwar die fast gebetsmühlenartig wiederholten Forderungen der Industriellenvereinigung – der Österreichischen wie der Tiroler –, die Sorgen um den Wirtschaftsstandort, die lange in den Wind geschlagenen Warnungen vor einer schleichenden Deindustrialisierung, die inzwischen eingesetzt hat, wie ein Blick auf die Beschäftigungszahlen zeigt.
Wir haben uns mit vier Vertreter*innen der jungen Industrie zusammen- und auseinandergesetzt. Es sind vier Unternehmer*innen aus Tiroler Familienbetrieben, die in einer Zeit Verantwortung übernommen haben, in der das Weggehen, die Abwanderung, oft naheliegender schien als das Bleiben. Von ihnen wollen wir erfahren, wie sie die gegenwärtige – und zukünftige – ökonomische und soziale Situation sehen, und was sie bewegt und motiviert, unter nicht einfacher werdenden Rahmenbedingungen unternehmerisch zu handeln und dem Standort die Treue zu halten. Das ist gerade angesichts der sinkenden Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiepreise und im Vergleich zu den umliegenden Staaten unverhältnismäßig gestiegenen Lohnstückkosten keine Selbstverständlichkeit. Es wäre jedenfalls billiger, anderswo zu produzieren, und angesichts der Bürokratie in Österreich wohl auch einfacher. Nach einem Bekenntnis zum Standort haben wir nicht gefragt. Es zeigt sich ohnehin – im täglichen unternehmerischen Handeln.
Geprägt und gewachsen
Eduard Fröschl junior ist sein Werdegang in die Wiege gelegt. „Für mich war es normal, dass mich am Montag um sechs Uhr – also noch vor der Schule – mein Opa abgeholt hat und ich mit ihm die Morgenrunde am Bauhof gemacht, Baustellen besichtigt oder Geräte inspiziert habe“, erinnert er sich. Druck habe er dabei nie gespürt, wie er betont: „Ich habe nie etwas müssen.“ Deshalb hat er sich auch für ein humanistisches Gymnasium entschieden. „Das ist sicher untypisch für jemanden, der in einem Bauunternehmen arbeitet. Ich bin weder Bauingenieur noch Baumeister.“ Verantwortung hat Fröschl dennoch übernommen. Oder gerade deshalb. „Man muss es jungen, motivierten Leuten auch ermöglichen, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe immer Teilbereiche autonom verantworten dürfen. Dabei sind auch Fehler erlaubt gewesen.“ Fröschl genießt den vollen Rückhalt der Unternehmerfamilie und darf im Unternehmen zur Führungskraft heranreifen. Denn als Führungskraft wird man nicht geboren.
Irene Wüster spricht von „Prägung“, wenn sie an ihre Kindheit und Jugend denkt, von der Weitergabe eines „unternehmerischen Gens“: „Es wird einem ganz viel vorgelebt.“ Zu dieser Vorprägung kommt eine ausgeprägte Lust am Gestalten. Wüster will ihre eigenen Ideen umsetzen und beweisen, dass man als in Tirol produzierendes Unternehmen auch international erfolgreich sein kann. Dazu sucht sie gezielt nach Mitarbeiter*innen, die unternehmerisch denken und das größere Ganze, das „Big Picture“, im Auge behalten. „Das Familienunternehmen ist wie die große Schwester, die immer da ist. Man wächst mit ihr auf, bekommt unterbewusst so viel mit“, vergleicht sie. Und auch Patrick Huter ist der Meinung, dass „man in die Situation hineinwächst“. Sein Vater ist erst im Laufe seines Berufslebens durch ein Management-Buy-out zum Unternehmer geworden. Auch auf Huter wurde kein Druck ausgeübt, das Unternehmen zu übernehmen, irgendwann hat sich allerdings herauskristallisiert, dass ein Vater-Sohn-Gespann gut funktionieren würde. „Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, diesen unternehmerischen Weg gemeinsam als Familie zu gehen“, sagt Huter. Auch er durfte von Anfang an Verantwortung übernehmen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn vielen Unternehmer*innen fällt die Übergabe der Agenden an die nächste Generation keinesfalls leicht. Manchen gelingt sie überhaupt nicht.
„Man bekommt in einem Familienunternehmen gewisse Werte vorgelebt“, nimmt Daniela Gruber Irene Wüsters Gedankengang wieder auf. Das Unternehmen sei im familiären Alltag immer präsent gewesen. Rückblickend ist Gruber ihren Eltern dankbar dafür, dass sie die Unterstützung bekommen hat, im In- und Ausland zu studieren und sich selbstständig beruflich zu entwickeln und über den Tellerrand zu blicken. Davon profitiert sie heute: „Ich habe mich damals ganz bewusst dafür entschieden, wieder nach Tirol zurückzukehren und im eigenen Unternehmen Verantwortung zu übernehmen. Den gewissen Weitblick muss man sich dabei immer behalten.“ Ausschlaggebend dafür sei unter anderem ihr ausgeprägter Gestaltungswille gewesen. Doch das genügt nicht: „Man muss auch mit Risiken leben und umgehen können, sonst ist das Unternehmertum reiner Stress. Wenn man aber gestalten will – und kann –, dann gibt es kaum etwas Schöneres, als das im eigenen Unternehmen zu tun.“ Was alle vier eint: Unternehmertum ist für sie kein Erbe, sondern ein Prozess – und Verantwortung etwas, das man sich erarbeitet.
Motivationen
Was diese Generation antreibt, ist weniger Pflichtgefühl als Lust – Lust am Gestalten, am Entscheiden, am Verantworten. Doch das ist längst nicht alles. „Ich bin ein Mensch, der gerne mit Menschen arbeitet. Ich darf Führungskraft vieler Führungskräfte sein“, beschreibt Eduard
Fröschl seinen Zugang. Da scheint der Humanist durch. Als Führungskraft jedenfalls ist der junge Industrielle einer, der den persönlichen Austausch sucht, den es nach draußen zieht, zu den Menschen. „Ich verbringe selten mehr als zwei Stunden am Stück in meinem Büro.“
„Unsere Arbeit ist immer eine Arbeit mit Menschen“, bestätigt Irene Wüster. „Ich merke jeden Tag: Alleine erreicht man gar nichts. Unternehmertum ist für mich Teamarbeit.“ Führung wird von den Unternehmer*innen nicht als Durchregieren verstanden, sondern als echte Beziehungsarbeit. Die Industrielle bezeichnet sich zudem als erfolgsgetrieben, „aber Erfolg heißt für mich nicht nur Umsatz, sondern Qualität und Anerkennung“. Natürlich muss die betriebswirtschaftliche Dimension passen, Irene Wüster freut sich jedoch ganz besonders, wenn Juwel-Produkte mit Designpreisen ausgezeichnet werden. Das geschieht im Übrigen gar nicht selten. „Wir stehen im internationalen Wettbewerb und es freut und motiviert mich, wenn wir uns als kleines Unternehmen aus Imst mit 80 Mitarbeiter*innen die Bühne mit Größen wie Apple, Samsung oder Mercedes teilen dürfen“, erzählt sie.
Führung verbindet
Auf die Frage, was die junge Industrie heute anders macht als die Vorgängergeneration, überlegt Irene Wüster nur kurz: „Mein Vater ist 1946 geboren, ich 1990. Natürlich machen wir viele Dinge anders.“ Dabei geht es unter anderem um den Führungsstil, um die Freiheiten, die man Mitarbeiter*innen lässt. „Zwischen den Generationen hat sich in der Kultur etwas verändert, wahrscheinlich nicht so sehr in der Vision“, konkretisiert sie. Das hängt nicht zuletzt mit dem Zeitgeist zusammen, der heute ein anderer ist als vor dem Internetzeitalter. Daniela Gruber betont dabei die Schnelllebigkeit der heutigen Wirtschaftswelt. Die Zyklen sind kürzer, stakkatoartiger, den Langsamsten, den Letzten beißen im harten Wettbewerb die Hunde. „Es gibt heute viele Themen, bei denen man viel stärker bereichsübergreifend kooperieren muss als früher. Nur wenn alle Räder ineinandergreifen, läuft das Unternehmen. Man muss schneller am Markt und am Kunden sein.“ Diese Schnelllebigkeit fordert auch ihren Tribut: Ständige Erreichbarkeit, 24/7, fast 365 Tage im Jahr. „Das erwarten sich die Kunden heutzutage. Wir sind in einem Just-in-time-Geschäft. Wer nicht erreichbar ist, verliert Aufträge“, so Huter. Deshalb kann es sein, dass besonders dringende Arbeiten auch einmal am Wochenende erledigt werden. „Über Reaktionsgeschwindigkeit und Qualität können wir uns noch am ehesten vom Wettbewerb abheben“, sagt er.
So unterschiedlich die jungen Industriellen sind, so verbindet sie ihr partizipativer Führungsstil und dass sie ihren Mitarbeiter*innen Verantwortung übertragen, „wenn sie Verantwortung tragen wollen und können“, präzisiert Patrick Huter. Das sorgt nicht zuletzt dafür, dass man nicht in Gefahr gerät, Micromanagement zu betreiben. Es gibt Mitarbeiter*innen, die aufblühen, wenn sie selbst Dinge verantworten und in ihrem Bereich gestalten dürfen. „Es bewährt sich gerade in schwierigen Situationen, wenn die Verantwortung auf mehreren Schultern lastet“, weiß Huter.
In Sachen intergenerationaler Unterschiede bringt Irene Wüster das Wesentliche auf die kurze Formel: „Wir brauchen den Mut zum Neuen und die Beständigkeit des Alten.“ Das gilt nicht nur für ihr Unternehmen und alle anderen, sondern auch für das Individuum. „Unsere Welt verändert sich momentan so unglaublich schnell – Veränderung braucht aber ein Gegengewicht. Wenn alles gleichzeitig wackelt, verliert man die Menschen.“ In einer beschleunigten und rastlosen Welt wird Beständigkeit selbst zu einem Wettbewerbsfaktor. Man dürfe die Mitarbeiter*innen bei allem Mut zur Veränderung nicht überfordern, meint Wüster. Denn: „Am Ende sind wir alle Gewohnheitstiere. Manches muss auch einmal bleiben können, wie es ist.“ Daniela Gruber nickt zustimmend. Gewisse Werte seien zeitlos, Mitarbeiter*innen gestern wie heute würden Stabilität und Handschlagqualität schätzen. Stabilität, die gerade die Familienunternehmen auszeichnet, die nicht von Bilanz zu Bilanz, sondern tatsächlich in Generationen denken. „Was motiviert Mitarbeiter?“, fragt Gruber und gibt sogleich die Antwort: „Stabilität, Vertrauen, Wertschätzung und eine Tätigkeit, die Sinn stiftet. Die Zeiten mögen sich geändert haben, manche Werte bleiben.“ Auch Eduard Fröschl ist nicht in die Fußstapfen seiner Vorfahren getreten, um gegen deren Vermächtnis aufzubegehren und alles fundamental umzukrempeln. „Es sind eigentlich Kleinigkeiten, die ich anders mache als mein Vater“, sagt er. Der kommuniziert mit seinen Mitarbeiter*innen sehr viel über E-Mail. So ist jedem Adressaten klar, wer gemeint ist und welche Aufgaben bis zu welchem Zeitpunkt zu erledigen sind. Der Junior macht das anders. „Ich versuche, möglichst unmittelbar zu führen. Dazu telefoniere ich viel mehr und muss mich darauf verlassen können, dass sich meine Gesprächspartner*innen auch an das Vereinbarte halten“, sagt er. Das entspricht seinem Zugang, holt ihn aber manchmal im Alltag ein. Eduard Fröschl junior ist der Chef, aber dennoch mit jedem seiner Mitarbeiter*innen per Du. In Sachen Technologieaffinität steht die ältere Generation entgegen oft landläufiger Meinung den Jungen übrigens um nichts nach. „Nach anfänglicher Skepsis gibt es meinen Vater heute ohne Handy nicht mehr. Er schreibt um fünf Uhr früh die erste und um Mitternacht seine letzte Mail“, erzählt Fröschl. Es gibt auch in der „alten Industrie“ ein Bewusstsein für die Umbrüche, die mit dem Voranschreiten der KI kommen könnten. Dennoch hat es mit dem Eintritt der Digital Natives in die Arbeitswelt eine Veränderung gegeben. „Erstmals kann der junge Mitarbeiter, der mit der Digitalisierung aufgewachsen ist, etwas besser als der alte. Das hat es früher so nicht gegeben und hat gerade bei älteren Mitarbeitern zu einem Umdenken geführt.“
Die Krise als Normalzustand
Die jungen Unternehmer*innen sind in einer Zeit in unternehmerische Verantwortung eingetreten, in der man mit einer Gleichzeitigkeit der Krisen konfrontiert war und ist, die es vorher in dieser Vehemenz und Quantität nicht gegeben hat. Die Nachkriegszeit war hart, doch zwischendurch gab es – mit Ausnahme der Ölkrise – Wachstum und Stabilität. Wer gut gewirtschaftet hat, durfte auf stetiges Wachstum vertrauen. Das ist heute anders geworden. Die Welt gerät zunehmend aus den Fugen, Gewissheiten von gestern gelten nicht mehr. „Krisen hat es immer gegeben, aber die Trendlinie ist nach dem Zweiten Weltkrieg eine andere gewesen als heute. Sie hat ständig aufwärts gewiesen“, sagt Patrick Huter, der bereits in der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 eine Bruchlinie sieht. Und trocken ergänzt: „Auch die Coronakrise ist alles andere als normal gewesen.“
Huter fragt sich, ob es denn für seine Generation noch kontinuierlich aufwärts gehen kann. Und ob es das überhaupt muss. Die Krisenerfahrungen dieser Kohorte hat sie dafür sensibilisiert, dass Wachstum und Prosperität keine Selbstläufer sind. Stetiges Wachstum ist für diese Generation keine Erfahrung, sondern eine Erzählung. „Ich bin froh, wenn ich das halten kann, was meine Vorgängergeneration geschaffen hat“, sagt Huter. Irene Wüster schlägt in der Einordnung einen weiteren Bogen: „Ich glaube, dass man Geschichte immer erst im Rückspiegel beurteilen und einordnen kann. Unsere Vorgänger*innen sind wohl auch nicht davon ausgegangen, dass es immer aufwärts gehen würde. In der Wirtschaft gibt es immer einen Unsicherheitsfaktor – und im Nachhinein ist man immer gescheiter.“ Eine bedeutende Abweichung im Vergleich zu früher benennt die Juwel-Geschäftsführerin dennoch: „Früher konnte man fünf oder zehn Jahre vorausplanen. Heute ändern sich Gesetze schneller, als man investieren kann. Ich kann keine Generationenentscheidungen treffen, wenn die Spielregeln jährlich wechseln.“ Das sei gerade für Familienunternehmen zunehmend ein Handicap, denn: „Wir denken – und investieren – in Generationen.“
Gesellschaftliche Brüche
„Wir sind wieder an einem Punkt angelangt, an dem ein Krieg am europäischen Festland wütet“, zeichnet Eduard Fröschl historische Parallelen nach. Die transatlantische Partnerschaft steht in Frage, die US-Zölle sind für die exportorientierten Industriebetriebe ein riesiges Problem. Fröschl ortet aktuell so etwas wie einen kollektiven Selbstbetrug – „Ich glaube, dass wir uns derzeit noch vieles schönreden.“ – und verweist zudem auf die zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft, die besonders seit der Pandemie massiv zugenommen habe. Mit Sorge beobachtet er, dass sich in der Gesellschaft der Eindruck einer zunehmenden sozialen Ungerechtigkeit festsetzt. „Dem kann man nur wirksam begegnen, wenn man die arbeitenden Menschen entlastet. Das halte ich für ein ganz zentrales Anliegen.“
Eine Gesellschaft, in der soziale Spannungen zunehmen, ist ein Pulverfass. Fröschl, der auch stellvertretender Vorsitzender der Jungen Industrie Österreich ist, engagiert sich auf Bundesebene deshalb bewusst für eine zeitgemäße junge Sozialpartnerschaft. Diese zählt zu den großen Erfolgsgeschichten der Zweiten Republik und ist ein Modell, von dem sich auch die junge Industrie ausdrücklich nicht verabschieden will. Anhand einer Anekdote schildet Fröschl jedoch, dass bei den Vertreter*innen der Arbeitnehmerseite – etwa in der ÖGJ oder der Jungen AK – häufig noch ein karikaturhaftes Zerrbild eines Industriellen vorherrsche. Dieses will er zurechtrücken, um im Interesse des Wirtschaftsstandortes und damit letztlich der Menschen wieder stärker an einem Strang zu ziehen. Tatsächlich, die Turbokapitalisten wird man unter Tirols Unternehmer*innen nicht finden. Hier geht es geerdet zu. Bodenhaftung ist angesagt und ein Gespür für soziale Verantwortung. Gleichzeitig verweist Fröschl auf den in den vergangenen Jahren gravierenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. „Die Entwicklung der Kollektivvertragslöhne ist extrem gewesen.“ Den Arbeitnehmer*innen bleibt im Hochsteuerland Österreich dennoch nicht viel mehr Netto vom Brutto, die Progression schlage gnadenlos zu. „Das ist für die Arbeitnehmer demotivierend“, sagt Fröschl. Ebenso wie die aktuelle Reduktion der steuerbegünstigten Überstunden und die Debatte um die Wiedereinführung der kalten Progression. Irene Wüster und Eduard Fröschl orten darin so etwas wie ein „Arbeitnehmer-Demotivationsprogramm“ quer durch alle Gehalts- und Lohnstufen. Für (exportorientierte) Industriebetriebe ist sozialer Zusammenhalt jedoch kein moralisches Goodie, sondern ein Standortfaktor.
Resignation und Fehlanreize
Die hohen steuerlichen Belastungen, unter denen Arbeitgeber*innen wie Arbeitnehmer*innen ächzen, sehen den jungen Industriellen auch indirekt mit der florierenden Teilzeitbeschäftigung verknüpft. Irgendwer, so geht die Rechnung, muss die öffentlichen Haushalte schließlich finanzieren. Und dabei kommen wenig überraschend die Vollzeit-Arbeitnehmer*innen überproportional zum Handkuss. „Alleinstehende Männer zwischen 30 und 35 arbeiten häufiger in Teilzeit als Familienväter“, illustriert Patrick Huter die Lage anhand eines konkreten Beispiels. Das dürfte nicht allein den Verlockungen der ausgewogenen „Work-Life-Balance“ geschuldet, sondern vor allem Symptom einer gewissen Resignation sein. Wer sich mit Arbeit kein Eigentum mehr schaffen kann, kann gleich die Freizeit genießen – und weniger arbeiten. Es geht dabei nicht um Moral oder gar um faule Arbeitnehmer*innen, sondern um systemische Fehlanreize, die nicht gerecht sind. Huters Kapferer GmbH musste vergangenes Jahr wegen des Ausfalls ihres Hauptkunden vorübergehend die Arbeitszeit reduzieren. „Schwieriger, als die Mitarbeiter*innen von der Voll- in die Teilzeit zu bekommen, ist es, sie wieder zurückzuholen“, weiß er. Das ist das Resultat einer verfehlten Lohnpolitik. Wer mehr arbeitet, dem sollte mehr im Börserl bleiben. Das wäre nur gerecht. „Weniger zu tun, wird in Österreich belohnt. Das muss sich endlich ändern“, sagt Huter.
Daniela Gruber bleibt dennoch eine Optimistin, deren Glas stets halbvoll ist, denn sie ist überzeugt: „Junge Menschen brauchen positive Zukunftsaussichten.“ Das sieht auch Irene Wüster so, die dafür plädiert, trotz schwieriger Rahmenbedingungen – Klimakrise, Zerfall der globalen Nachkriegsordnung usw. – positiv zu bleiben. Wer glaubt, er könne nichts bewegen, bleibt passiv. Dabei braucht es gerade das genaue Gegenteil: Eine junge Generation, die sich einbringt, engagiert, aktiv wird. „Natürlich gibt es Probleme. Die Menschheit hat aber die Voraussetzungen und Instrumente, diese beherrschen zu können“, sagt Wüster und appelliert: „Wenn wir uns die Freude am Gestalten nehmen lassen, haben wir schon verloren!“
Eduard Fröschl legt beim Blick in die Zukunft indes die Stirn in Falten. Ihn treibt die Frage der Generationengerechtigkeit um. „Die Hauptwählerklientel unserer drei größten Parteien ist jenseits der 60 Jahre“, sagt er. Damit besteht die reale Gefahr einer politischen Zukunftsvergessenheit. „Man weiß seit den 1970er-Jahren, dass sich die Geburtenrate nicht mehr mit den Versprechungen des Generationenvertrags vereinbaren lässt“, gibt Wüster zu bedenken. Das hat bei vielen jungen Menschen zur Resignation geführt, auch zur politischen Apathie, die sich im Fernbleiben von den Wahlurnen äußert. Wer bei politischen Entscheidungen nicht mit am Tisch sitzt, der steht auf der Speisekarte. Die jungen Industriellen sehen sich gewissermaßen auch als Anwälte ihrer Generation und mahnen Politik mit Weitblick ein, die Wohlstand sichert, Entwicklung ermöglicht, dabei aber nicht auf den sozialen Zusammenhalt vergisst. Resignation ist kein individuelles Charakterproblem, sondern das Ergebnis politischer Rahmenbedingungen. „Wir sehen es als unsere Aufgabe, zu zeigen, was hinter der Industrie steckt, wie die Zusammenarbeit von Menschen in den Betrieben funktioniert, um gemeinsam Wertschöpfung in Tirol zu erzeugen“, sagt Daniela Gruber, die gerne Schulklassen einlädt, damit sie sich ein Bild von ihrem Unternehmen machen können. Nicht zuletzt wünscht sie sich, dass auch in den Lehrplänen und Schulbüchern ein modernes Bild der Wirtschaft gezeichnet wird.
Ein Land am industriellen Wendepunkt
Dass am Wirtschaftsstandort Österreich nicht alles eitel Wonne ist, braucht man nicht zu diskutieren. Es gibt einiges zu tun, der Standort muss produktiver werden. In dieser Hinsicht geben sich auch die vier jungen Unternehmer*innen keinen Illusionen hin. Patentrezepte allerdings sind rar. Digitalisierung und Automatisierung gelten als Hoffnungsträger. Irene Wüster winkt ab: „Hätten unsere Vorgänger nicht bereits intensiv automatisiert, gäbe es hier heute nicht mehr viel zu besprechen. Die Automatisierung als Gegenmittel gegen zu hohe Lohnstückkosten zu sehen – das ist passé. Sie ist heute nicht mehr der große Hebel, den man gerne hätte.“ Daniela Gruber führt unter anderem die hohen Energiekosten ins Treffen, die dem Standort zu schaffen machen würden, und merkt an, dass in den Nachbarländern die Lohnstückkosten weit weniger stark gestiegen seien als in Österreich, weil man sich dort getraut habe, politisch in die Energiekosten einzugreifen. Sie bringt außerdem noch einen zweiten Evergreen aufs Tapet: Bürokratie. Seit Jahrzehnten heftet sich die Politik deren Abbau auf die Fahnen. Passiert ist nichts, ganz im Gegenteil. Die Bürokratie nimmt zu und hat ein Ausmaß erreicht, das es vielen Unternehmen schwer macht, vom Verwalten überhaupt noch ins Gestalten zu kommen. „Wir müssen uns immer mehr mit Tätigkeiten befassen, die keine Wertschöpfung erzeugen“, kritisiert Gruber. „Da müssen wir massiv gegensteuern. Sonst gehen wichtige Ressourcen für Innovationen, Entwicklung und Produktivitätsfortschritt verloren. Der Kampf gegen bürokratische Windmühlen demotiviert die jungen Menschen, die etwas bewegen wollen.“ Die Silberquelle-Geschäftsführerin betrachtet dementsprechend einen ernst gemeinten und nachhaltigen Bürokratieabbau als „echten Hebel“. Das sieht auch Eduard Fröschl so, der mehr als eine Anekdote auf Lager hat, um das muntere Wiehern des Amtsschimmels in Österreich zu illustrieren.
Während in Österreich die Privatwirtschaft, die Wertschöpfung erzeugt und Steuern abführt, schrumpft, wird der Staat fetter. Und hat mehr Zeit und Personal, um mehr Bürokratie zu erzeugen. Sie ist möglicherweise sogar ein Stück weit zum Selbstzweck geworden. Bürokratie um der Bürokratie willen. Eine verwaltete Welt. „In der Industrie sind in den letzten Jahren 70.000 Arbeitsplätze verloren gegangen, im öffentlichen Dienst sind 60.000 dazugekommen“, sagt Fröschl. Zudem konkurriere der Staat als Arbeitgeber mit der Industrie. Der Unternehmer wirft zudem einen kritischen Blick auf Österreichs verschlungene Förderlandschaft. „Es gibt niemanden, der mehr fördert als Österreich – aber wenig zielgerichtet“, und er findet: „Weniger Belastung, weniger Förderung.“ In der Verwaltung brauche es außerdem einen One-Stop-Shop statt des bisherigen langwierigen bürokratischen Hürdenlaufs. Der kostet viel Zeit und Geld und schwächt die Konkurrenzfähigkeit des Standorts. „Das ist auch eine Frage des Mindsets. Wir wollen alle gemeinsam weiterkommen. Das ist im Interesse des Landes und seiner Menschen. Da kann man nicht von vornherein gegen jede wirtschaftliche Weiterentwicklung sein“, so Irene Wüster. Kollege Patrick Huter regt im Zuge dessen für Verordnungen und Gesetze ein Ablaufdatum an, eine Art Sunset Clause. Was sich bewährt hat, soll verlängert werden, alles andere automatisch ablaufen. Wenn das Verwalten mehr Zeit frisst als das Gestalten, verliert ein Standort seine Zukunft.
Bei allen angesprochenen Standortnachteilen gibt es jedoch auch Vorteile. Tirol ist nach wie vor ein starker Bildungsstandort, der sehr gut qualifizierte Fachkräfte quer durchs ganze Spektrum hervorbringt. Patrick Huter bringt bei den Vorteilen ein bekanntes Motiv ins Spiel, das auch der Tourismus bewirtschaftet: Lebensqualität. Tirol hat viel davon, nicht nur, aber vor allem dank seiner intakten Natur. Tirol muss aber zugleich ein attraktiver Raum zum Wirtschaften bleiben, der Jobchancen und Perspektive bietet. „Bildung, Sicherheit, Gesundheitswesen, ... die Menschen wollen dort arbeiten, wo sie auch leben wollen“, zählt Gruber Standortvorteile auf. „Wenn wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, hat Tirol sehr großes Potenzial.“ Dazu braucht es auch Netzwerke. Die Junge Industrie will sich bewusst öffnen, den Austausch suchen, diskutieren, auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Denn es mangelt der heutigen Gesellschaft auch daran, dass es keine gemeinsame Erzählung mehr gibt, keine gemeinsame Vision. „Es braucht positive Beispiele, und die wollen wir geben, im größeren und kleineren Kreis. Eine ehrliche und authentische Erzählung“, sagt Gruber. Es braucht gemeinsame Ziele, um das ganze Potenzial, das Tirol hat, heben zu können. Die jungen Industriellen sind bereit dafür. „Jedes Jahr, in dem zu wenig geschieht, kostet Wettbewerbsfähigkeit. Stillstand ist teuer. Es braucht endlich klare Ziele. Sind solche erst gesetzt, sind wir Tiroler und Österreicher sehr stark darin, sie auch umzusetzen“, schlägt Daniela Gruber optimistische Töne an. Auch Eduard Fröschl ist zweckoptimistisch und fordert von der Politik „endlich mutige Entscheidungen“. Er sagt: „Wir brauchen echte Entlastungen und müssen weg vom Etikettenschwindel.“ Dann ist es möglich, bleibende Werte zu schaffen. Ihm ist klar: „Die Schlagzahl der Probleme wird größer – aber sie bleiben lösbar. Gemeinsam kann die Generation ihre Zukunft gestalten, nicht nur erdulden.“
Bei allen vier Tiroler Unternehmer*innen, so viel ist klar geworden, handelt es sich um reflektierte junge Menschen, die Führung als Beziehungsarbeit begreifen und keinem rein monetär definierten Erfolgsbegriff anhängen. Ihre Werte sind nicht nostalgisch, sondern zeitlos funktionell. Sie tragen Verantwortung ohne Pathos, äußern Zweifel, ohne larmoyant zu werden. Sie verschließen auch ihre Augen nicht vor den gesellschaftlichen Herausforderungen und sind sich dessen bewusst, dass im Miteinander aller maßgeblichen gesellschaftlichen Kräfte mehr erreicht werden kann als einzeln. Diese Unternehmergeneration will sich nicht zurücklehnen und auf dem Lorbeer der Vorgängergeneration ausruhen. Sie will Verantwortung tragen und Zukunft gestalten. Man sollte ihr die Möglichkeiten dazu geben.
Zu den Personen:
Eduard Fröschl junior (32)
hat in Innsbruck und Linz Wirtschaftswissenschaften studiert und arbeitet seit acht Jahren im Familienunternehmen mit. Dabei hat er unterschiedliche Stationen durchlaufen, vom Tourismus (Axamer Lizum) über den Handel, Beton und Rohstoffgewinnung bis hin in die Geschäftsführung des Unternehmens.
Irene Wüster (35)
ist seit 2023 Geschäftsführerin der in Imst ansässigen Juwel H. Wüster GmbH. Sie hat in Innsbruck Wirtschaftswissenschaften und -recht studiert und unterschiedliche Auslandsstationen – darunter Hilti France – durchlaufen, ehe sie das Familienunternehmen übernommen hat.
Patrick Huter (34)
ist seit zehn Jahren in der Kapferer GmbH in Fulpmes tätig und leitet das Unternehmen gemeinsam mit seinem Vater. Er hat die HTL für Maschinenbau in Fulpmes und einen Management-Lehrgang am MCI in Innsbruck absolviert. Vorher war Huter unter anderem bei Swarovski im Bereich Produktentwicklung tätig.
Daniela Gruber (34)
führt seit 2025 in dritter Generation mit ihrem Onkel die Silberquelle GmbH in Brixlegg. Sie hat Studien der Lebensmitteltechnologie an der Universität für Bodenkultur in Wien und der Wageningen University in den Niederlanden sowie Studienaufenthalte in den USA und der Schweiz (Management für KMU & Familienunternehmen, HSG St. Gallen) absolviert. Nach beruflichen Stationen im In- und Ausland, unter anderem in einem internationalen Getränkekonzern, kehrte sie 2020 ins Familienunternehmen zurück.
Text: Marian Kröll
Fotos: Dino Bossnini

