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Wirtschaft

Tirols Identität

6.2.2026

Skisport ist für Tirol weit mehr als Freizeitvergnügen oder Spitzensport. Er ist Identität, Wirtschaftsfaktor und gesellschaftlicher Kitt. Doch Klimawandel, steigende Preise und veränderte Lebensrealitäten stellen das System zunehmend unter Druck. Wir haben mit Karl Janovsky, Präsident des Tiroler Skiverbandes, über strukturelle Veränderungen, mediale Wahrnehmung, Nachhaltigkeit und Nachwuchsarbeit gesprochen und die Frage, warum Skifahren auch in Zukunft für möglichst viele Tiroler*innen leistbar bleiben muss.

eco.nova: Beginnen wir ganz grundsätzlich: Was ist der Kernauftrag des Tiroler Skiverbands? Karl Janovsky: Der Tiroler Skiverband ist der Fachverband für alle Skivereine im Land. So wie jeder Fußballverein im Fußballverband organisiert ist, sind bei uns alle Skivereine vereint. Wer unsere Aufnahmekriterien erfüllt, ist Mitglied beim TSV und automatisch auch beim Österreichischen Skiverband (ÖSV). Unser Kern-
auftrag ist es, Interessenvertretung für den Skisport und alle Skisporttreibenden zu sein. Wir organisieren dabei den gesamten Überbau: von der Ausbildung der Trainer*innen und Kampfrichter*innen, Rennorganisation, wir kümmern uns um Versicherungsfragen bis hin zur Durchführung aller Tiroler Skirennen gemeinsam mit den jeweiligen Verbänden vor Ort.

Der Skisport hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Wo sehen Sie die größten strukturellen Umbrüche? Sehr klar in der Ausrichtung. Früher – und das gilt sowohl für den TSV als auch den ÖSV – lag der Fokus extrem stark auf dem Rennsport. Dieser hat Aufmerksamkeit, Anerkennung und mediale Präsenz gebracht. Das hat sich verändert. Heute wissen wir: Wir brauchen eine breite, skisportaffine Bevölkerung. Wenn Kinder nicht mehr selbst Ski fahren, schauen sie sich später auch keine Rennen mehr an. Wenn niemand zuschaut, kommen keine Kameras. Wenn keine Kameras kommen, gibt es keine Werbewerte. Und dann fehlt irgendwann das Geld, auch ganz oben. Strukturell hat sich auch die Arbeitsteilung mit dem ÖSV verändert. Der ÖSV konzentriert sich zunehmend auf die älteren Jahrgänge, auf den FIS-Bereich. Wir als Landesverband haben dadurch mehr Kapazitäten für die vier Schülerjahrgänge S13 bis S16 sowie für die letzten Kinderjahre. Genau dort entscheidet sich, ob jemand dem Skisport langfristig erhalten bleibt. Wenn der Nachwuchs fehlt und die mediale Aufmerksamkeit nachlässt, kriegen wir im Skisport ein Problem.

Wie eng ist Tirol heute tatsächlich noch mit dem Skisport verbunden? Ich behaupte: Skifahren ist in Tirol identitätsstiftend. Nicht nur als Sportart, sondern als kulturelles Selbstverständnis. Egal, wo du auf der Welt bist, wenn jemand „Tirol“ hört, denkt er an Berge, Skifahren, Wintersport. Wenn aber Gäste aus aller Welt unsere Berge und Skipisten besser kennen als wir selbst, dann verlieren wir etwas Wesentliches. Und das bekommen wir nicht nur emotional zu spüren, sondern auch als Tourismus- und Wirtschaftsstandort.

Trotzdem wird der Stellenwert des Skisports zunehmend infrage gestellt. Zu Recht? Es ist ambivalent. Außerhalb Tirols gilt unser Land nach wie vor als DAS Skiland schlechthin. Beste Rennen, beste Trainingsstrecken, große Vereine. Der Kitzbühler Skiclub KSC ist mit über 10.000 Mitgliedern der größte Sportverein Österreichs. In der Skicommunity und innerhalb dieser Skisportblase sind wir top. Im Land selbst schaut es differenzierter aus. Vom „offiziellen“ Tirol, der Politik, Wirtschaft und den regionalen Medien, wird der Sport als extrem wichtig bezeichnet. Wenn man aber tiefer nachfragt, merkt man oft: Da ist viel Lippenbekenntnis dabei. Es fehlt manchmal an echter Durchdringung und langfristigem Denken.

Ist Skifahren in Tirol trotz steigender Preise noch ein Breitensport? Ja, eindeutig. Und zwar breiter, als viele glauben. Skisport ist ja nicht nur alpines Skifahren. Auch Langlauf, Skibergsteigen oder Tourengehen gehört dazu. Die Skifamilie ist vielfältig. Es geht also nicht nur um eine kleine Elite an Rennsportbegeisterten. Natürlich fahren nicht mehr 90 Prozent der Tiroler Ski, aber im Vergleich zu anderen Regionen ist Skisport nach wie vor tief verankert. Die Herausforderung ist, diesen Zugang gerade für Kinder und Familien offen zu halten.

Früher waren Skikurse und Schulskitage selbstverständlich. Heute sind sie die Ausnahme. Was ist passiert? Das ist ein ganzes Bündel an Faktoren. Ein Punkt ist die Migration, die uns im Skisport überhaupt nicht hilft. Fußball wäre ohne Migration nicht möglich, auch Kampfsportarten wie Taekwondo oder Karate wären ohne Menschen mit Migrationshintergrund hierzulande kaum wahrnehmbar. Im Skisport ist das anders. In unseren Trainingsgruppen gibt es zum Beispiel praktisch keine Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Wenn in einer Schule also 20 oder 30 Prozent der Kinder nicht Ski fahren können und keine Ausrüstung haben, wird schon ein Skitag und eine Skiwoche noch viel mehr organisatorisch extrem schwierig. Dazu kommen Haftungsfragen. Lehrer*innen trauen sich oft nicht mehr, Skilager zu begleiten. Externe Betreuung kostet Geld und viele Schulen haben dafür schlicht kein Budget. Dann lässt man es eben bleiben.

Viele Kinder können heute generell nicht mehr Ski fahren. Warum? Das ist eine Frage des gesellschaftlichen Wandels und der Infrastruktur, im Zuge derer die Klimakrise den Skisport extrem trifft, wahrscheinlich stärker als viele andere Bereiche. Schneeärmere Winter sind längst Realität. Ohne leistungsfähige Beschneiung ist Skifahren heute in vielen Regionen kaum mehr möglich. Die Folge ist, dass vor allem kleine Skilifte verschwinden. Früher bist du einfach Ski fahren gegangen. Ich bin im Innsbrucker Saggen aufgewachsen. Wir sind von der Schillerstraße zur Hungerburg-
bahn, rauf auf die Hungerburg und weiter auf die Seegrube. Wir waren Rodeln, sind zu Fuß unterwegs gewesen, haben alles Mögliche angestellt. Dafür hat es kein Auto gebraucht. In vielen Dörfern gab es Dorflifte, die man mit den Skiern auf der Schulter direkt von zu Hause oder von der Schule erreicht hat. Wenn diese Lifte wegfallen, ändert sich alles. Kinder können nicht mehr einfach losziehen, sie brauchen ein Elterntaxi. Und zwar nicht nur einmal im Winter, sondern regelmäßig, gerade dann, wenn sie ambitionierter Ski fahren oder Rennsport betreiben und zwei- bis dreimal pro Woche trainieren wollen. Gleichzeitig haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen massiv verändert: Die klassische Rollenverteilung gibt es nicht mehr, meist arbeiten beide Elternteile. Großeltern, die Zeit haben und sich regelmäßig um die Hobbys der Enkel kümmern, sind ebenfalls seltener geworden. All das macht den Zugang zum Skisport komplizierter.

Kann man also sagen, die Probleme des Skisports sind ökologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Natur? Absolut. Das ist ein Zusammenspiel. Solange Schnee vom Himmel fällt, ist alles einfach. Doch wir brauchen immer mehr Beschneiung und Schneemachen ist teuer. Energie, die immer rigorosere Sicherung der Pisten, Infrastruktur – all das kostet. Gleichzeitig erwarten Gäste Topangebote und günstige Kartenpreise. Das passt irgendwann nicht mehr zusammen.

Stichwort Nachhaltigkeit: Wie kann der Skisport glaubwürdig nachhaltiger werden? Der Skisport ist schon jetzt nachhaltiger als oft dargestellt. Rund 90 Prozent der Energie für die Beschneiung stammen aus erneuerbaren Quellen. Der gesamte Wintersport in Österreich macht weniger als drei Prozent des Stromverbrauchs aus. Das ist sachlich betrachtet kein großes Thema, emotional und in der öffentlichen Wahrnehmung aber sehr wohl. Das tatsächliche Problem ist viel eher der Individualverkehr. Wenn wir wirklich über Nachhaltigkeit reden wollen, müssen wir über öffentliche Anreise, Zubringer und leistbaren öffentlichen Verkehr sprechen. Dort liegt der größere Hebel.

Ist die Debatte rund um Nachhaltigkeit im Skisport also eher emotional als faktenbasiert? Ja, schon. Skifahren hat einen schlechten ökologischen Ruf, der so nicht gerechtfertigt ist. Vielmehr geht es um Emotion und Leidenschaft, dabei profitiert Tirol stark davon. Ein Beispiel dafür sind die Speicherseen. Die werden in der Diskussion oft sehr negativ gesehen, dabei sind sie aus meiner Sicht ein echter Gewinn. Diese Seen sichern nicht nur die Beschneiung, sondern sind längst multifunktionale Räume geworden: Naherholungsgebiete, Ausgangspunkte für Wanderungen, Treffpunkte für Familien. Davon profitieren wir enorm, vor allem auch im Sommer. Der Skisport ist längst kein reines Winterthema mehr. Lifte, Infrastruktur und eben auch Speicherseen machen es möglich, dass Menschen im Sommer auf den Berg fahren, einkehren, den Blick ins Tal genießen und sagen: Da komme ich wieder her. Das stärkt den Sommertourismus und damit den Standort Tirol insgesamt. Man muss aber auch ehrlich sein: Nachhaltigkeit ist nicht kostenlos. Glaubwürdig nachhaltiger Skisport ist möglich, wird aber nie mehr billig sein können. Die Grenzen des Machbaren liegen dort, wo man hohe Qualität, ökologische Verantwortung und leistbare Preise gleichzeitig erwartet. Das geht sich auf Dauer nicht aus.

Im Spitzensport wird Nachhaltigkeit ebenfalls diskutiert – etwa bei Übersee-Trainings. Wie sehen Sie das? Wir sind klar dagegen, unnötig zu fliegen, aber es ist ein Dilemma. Wenn hierzulande die Gletscher zurückgehen und Sommertrainings dort nicht mehr möglich sind, müssen wir auf andere Regionen ausweichen. Wenn andere Nationen in Übersee trainieren und wir nicht, fehlen uns im Vergleich Schneetage. Wenn du dann im ersten Rennen zurückliegst, ist der Aufschrei wieder groß und es interessiert sich niemand dafür, dass du aus ökologischen Gründen auf Trainingsmöglichkeiten verzichtet hast. Das ist die bittere Realität.

Auch der Österreichische Skiverband hat seinen Sitz in Innsbruck. Verschwindet damit der regionale Landesverband ein Stück weit unter dem Radar? Der Tiroler Skiverband hat in der öffentlichen Wahrnehmung in der Tat ein sehr spezifisches Problem und das gibt es so eigentlich nur in Tirol. Skifahren ist hier extrem stark mit dem Österreichischen Skiverband verwoben. Für viele gilt: ÖSV ist gleich Skisport und damit automatisch auch gleich Tirol. Das zeigt sich auch ganz konkret. Die Tirol Werbung ist der einzige Landeswerbeträger in Österreich, der den eigenen Landes-Skiverband nicht sponsert. Wir bekommen von dort nichts, schlicht deshalb, weil es einen millionenschweren Vertrag mit dem ÖSV gibt. Der ÖSV deckt auch medial und kommunikativ enorm viel ab. Wenn man sich die Tageszeitung anschaut, die ja durchaus widerspiegelt, was die Menschen im Land interessiert, wird sehr breit über Skisport berichtet – über Weltcup, Großereignisse wie WM und olympische Spiele, aber auch über große Namen von nationalen und internationalen Stars. Was aber auf regionaler Ebene passiert, was der Tiroler Skiverband leistet, bleibt vielfach unter der Wahrnehmungsgrenze. Dabei kommen viele der heutigen Weltklasseathlet*innen direkt aus unserem System. Ein Joshua Sturm und eine Lisa Hörhager ebenso wie eine Natalie Falch oder unsere Weltmeister*innen Stephie Venier und Raphael Haaser – sie alle sind von uns ausgebildet worden, haben bei Schülerrennen Tiroler und österreichische Meistertitel geholt. Damals hat kaum jemand über sie berichtet, heute fahren sie im Weltcup und sind Weltmeister, stehen kurz vor Olympia und sind ein Beweis dafür, wie gut die Nachwuchsarbeit in Tirol funktioniert. In anderen Sportarten ist das anders, dort ist die Berichterstattung viel regionaler. Vielleicht ist das auch eine Chance. Der Tiroler Skiverband arbeitet seit jeher sehr nah an den Vereinen und am Nachwuchs. Wir produzieren eben keine Schlagzeilen, sondern Strukturen. Und am Ende des Tages sind es genau diese Strukturen – die vielen Ehrenamtlichen, die Trainer*innen, die Vereine vor Ort –, auf denen der Skisport in Tirol aufbaut. Wenn man das mitdenkt, dann muss man sich um die Zukunft des Skisports in Tirol nicht fürchten.


Interview: Marina Bernardi
Fotos: Tom Bause

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