
Mit 3.285 Neugründungen innerhalb eines Jahres verzeichnete Tirol laut Gründungs-zahlen der Wirtschaftskammer im Jahr 2025 so viele neue Unternehmen wie noch nie zuvor. Dabei sank das Durchschnittsalter der Gründer*innen auf 36,5 Jahre. Dass mehr als zwei Drittel aller Tiroler Unternehmen auch fünf Jahre nach ihrer Gründung noch am Markt bestehen, spricht für die Wirtschaftskraft des Standortes, denn dieser Wert liegt weit über dem österreichischen Durchschnitt.
Nach außen erzählen diese Zahlen eine Erfolgsgeschichte. Kritisch betrachtet muss es aber auch als Warnsignal verstanden werden, wenn die Gründungszahlen trotz schwächelnder Konjunktur steigen. Es drängt sich also die Frage auf, ob viele Men-schen die Selbstständigkeit vielleicht ausgerechnet deshalb suchen, weil sie in den klassischen Erwerbsbiografien keine Perspektive mehr sehen.
Sinn statt Sicherheit
Eines lässt sich immerhin mit großer Sicherheit feststellen: Die Gründungsmotive haben sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Zwar gelten finanzielle Unabhängig-keit und Einkommenschancen weiterhin als wichtig, andere Beweggründe stehen aber zunehmend im Vordergrund. „Das Motiv, das aktuell am stärksten ausgeprägt ist, ist der Wunsch nach Selbstverwirklichung und sinnvoller Arbeit“, erklärt Lena Obermair, Geschäftsführerin des Impact Hub Tirol. Sie beobachte regelmäßig Grün-der*innen, die ihre eigene Arbeit stärker mit ihren persönlichen Werten in Einklang bringen wollen. Besonders evident sei diese Entwicklung bei jungen Menschen. Viele wagen bereits nach dem Studium oder nach den ersten Berufserfahrungen den Schritt in die Selbstständigkeit: „Diese jungen Gründer*innen möchten Arbeit einfach anders gestalten, als sie das aus der oft als starr empfundenen Arbeitswelt mitbe-kommen.“
Die weibliche Gründungswelle
Bei den klassischen Unternehmensgründungen in Tirol fällt die starke weibliche Beteili-gung ins Auge. Im Bereich der Einzelunternehmen entfallen mittlerweile sogar ganze 47,8 Prozent auf weibliche Gründer. Für Martina Entner, Landesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft Tirol, ist diese Entwicklung kein Zufall: „Viele Frauen gründen, weil die Selbstständigkeit Planbarkeit und damit eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie schafft.“ Gerade in Tirol, wo die peripheren Zonen oft eine zeitliche Heraus-forderung darstellen, gewinne diese Flexibilität trotz des vielfach praktizierten Home-office an Stellenwert.
Ähnliches konstatiert auch die Tiroler Midlife-Strategin Margit Bacher, die vor allem Frauen in beruflichen Umbruchphasen begleitet. Selbst bei modernen Paaren falle die Betreuung von Kindern nach wie vor überwiegend den Frauen zu. Viele kehrten später als geplant in den Beruf zurück oder könnten ihre ursprüngliche Tätigkeit nicht mehr ausüben, weil diese nicht mit Teilzeitmodellen vereinbar sei. Zu dieser Problema-tik gesellen sich diverse gesellschaftliche Erwartungen: „Viele Frauen drängen sich selbst in bestimmte Rollen, um den allgemeinen Erwartungen zu entsprechen“, sagt Bacher. „Die Lebensmitte wird dadurch für viele Frauen zum Wendepunkt.“ Sobald die Kinder nämlich älter werden und die eigene berufliche Entwicklung trotz guter Ausbildung stagniert, stelle sich häufig die Frage, ob man die nächsten 20 Jahre so weitermachen wolle. „In diesem Kontext erscheint die Selbstständigkeit zunehmend als attraktive Alternative, um berufliche Erfüllung und Karriereziele neu zu definieren. Und dieser Mut zur Veränderung ist wichtig. Denn dauerhaft in einem Job unglück-lich zu sein, kann krank machen“, ergänzt Bacher.
Das Start-up-Paradoxon
Trotz aller Fortschritte im Bereich der Einzelunternehmen bleibt die männliche Domi-nanz in der technikaffinen und innovationsgetriebenen Start-up-Welt auffällig. Die Gründe dafür sind vielschichtig, allerdings scheint auch in diesem Zusammenhang die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf keine unwesentliche Rolle zu spie-len. „Die Start-up-Kultur ist meist noch immer von einer ‚Hustler-Mentalität‘ geprägt. Dieser steht die klassische Care-Arbeit gegenüber“, erklärt Obermair. Solange Be-treuung und Pflege überwiegend von Frauen übernommen würden, seien die Vo-raussetzungen ungleich verteilt. Hinzu kommen tief verwurzelte Rollenbilder. Start-up-Gründerinnen würden häufiger nach Risiken und Absicherungsstrategien gefragt als Gründer, Männer wiederum öfter nach Wachstum und Marktpotenzialen als Frauen. Dieser Gegensatz tritt auch anhand des Gender-Funding-Gap zutage. „Letztes Jahr gingen laut dem ‚EY Female Start-up Funding Index 2025‘ nur 0,6 Prozent des inves-tierten Kapitals in Österreich an rein weibliche Gründungsteams. Das ist doch eini-germaßen symptomatisch. Wer nämlich ständig erklären muss, warum etwas schei-tern könnte, pitcht natürlich anders als jemand, der vor allem nach Chancen ge-fragt wird“, so Obermair.
Unternehmertum als Integrationsmotor
Die Frage, warum Menschen gründen, stellt sich nicht nur mit Blick auf Geschlecht oder Lebensphase. Auch Menschen mit Migrationshintergrund sind in der Selbststän-digkeit überdurchschnittlich stark vertreten. Die Gründe dafür sind jedoch noch ein-mal anders gelagert. Für Menschen mit Migrationshintergrund ist die Selbstständigkeit oft eine Antwort auf grundlegende Hürden im regulären Arbeitsmarkt. Philipp Seirer-Baumgartner vom Arbeitsmarktservice Tirol verweist in diesem Kontext auf zahlreiche Herausforderungen: „Sprachbarrieren, die Anerkennung ausländischer Qualifikatio-nen, fehlende Kenntnisse über den österreichischen Arbeitsmarkt, Diskriminierungser-fahrungen oder mangelnde soziale Netzwerke erschweren vielen den Einstieg in eine unselbstständige Beschäftigung. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse mit geringen Aufstiegschancen und eingeschränkter Arbeitsplatzsicherheit stellen zusätzliche Probleme dar. Vor diesem Hintergrund wird Selbstständigkeit für viele Menschen mit Migrationshintergrund zur pragmatischen Lösung.“ In gewisser Weise schafft die Selbstständigkeit somit Einkommen und gesellschaftliche Teilhabe, da klassische Kar-rierewege nur schwer zugänglich sind.
Vielfalt schlägt Stereotype
Die Daten des Erwerbskarrierenmonitorings (EWKM) von AMS und Sozialversicherung zeigen jedoch, dass migrantisches Unternehmertum in Tirol weit vielfältiger ist, als gängige Klischees vermuten lassen. Insgesamt sind mehr als 10.400 Selbstständige mit Migrationshintergrund in Tirol erfasst. Entgegen der weit verbreiteten Annahme kon-zentrieren sich diese keineswegs ausschließlich auf Gastronomie oder Handel. Die größte Gruppe findet sich mit rund 2.700 Personen im Gesundheits- und Sozialwesen, das sind immerhin 25,6 Prozent. Allein im Bereich Sozialwesen ohne Heime sind mehr als 2.400 Menschen selbstständig tätig. Dahinter folgen Beherbergung und Gastro-nomie mit rund 1.700 sowie das Bauwesen mit gut 1.000 Selbstständigen. Auch in wis-sensintensiven Bereichen sind Menschen mit Migrationshintergrund durchaus stark vertreten, was wiederum für ihre Qualifikation spricht: Rund 730 Personen sind in wis-senschaftlichen und technischen Dienstleistungen tätig, weitere 240 in der Unter-nehmensberatung. Bemerkenswert sind auch die geschlechtsspezifischen Unter-schiede. Im Gesundheits- und Sozialwesen stellen Frauen mit Migrationshintergrund die überwältigende Mehrheit der Selbstständigen, während Männer im Baugewerbe klar dominieren. Damit treten hier ähnliche Muster zutage wie in der österreichischen Gründerlandschaft insgesamt.
Fazit
In Anbetracht all dieser Teilaspekte wird sich die eigentliche Erfolgsgeschichte des Tiroler Gründerbooms zukünftig nicht allein an der Zahl neuer Unternehmen messen lassen. Entscheidend wird einerseits sein, wer künftig welches Unternehmen in welcher Branche gründet, und andererseits, ob es gelingt, die Chancen des Unternehmer-tums allen gleichermaßen zugänglich zu machen. Daneben dürfen auch die Her-ausforderungen klassischer Unselbstständigkeit nicht übersehen werden, die in vieler-lei Hinsicht die Gründung von Unternehmen erst recht bedingen. So oder so wird die Zukunft einer innovativen Tiroler Wirtschaft wohl davon abhängen, geeignete Men-schen in geeignete Positionen zu bringen, ohne Familienfürsorge, Geschlecht oder Herkunft zu den ausschlaggebenden Argumenten zu machen.
Text: Isabella Walser-Bürgler

