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Wirtschaft

Standortfaktor Bildung

3.4.2026

Bildung gilt als Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg, gesellschaftlichen Zusammenhalt und individuelle Selbstbestimmung. Doch was kann sie wirklich leisten, um einen (Wirtschafts-)Standort resilient und erfolgreich in die Zukunft zu führen? Der Soziologe Mario Vötsch lehrt und forscht am Institut für Berufspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Tirol und spricht im Interview über Bildung als Standortfrage, über Autonomie statt Verwertungslogik, über Digitalisierung, Demokratie und die Erkenntnis, dass Bildung nicht jede gesellschaftliche Schieflage reparieren kann.
 
ECO.NOVA: Ganz generell gefragt: Wie wichtig ist Bildung gerade für einen Wirtschaftsstandort wie Österreich, der mit Rohstoffen eher wenig gesegnet ist und daher vermehrt auf sein Wissen bauen muss? 
MARIO VÖTSCH: Das ist natürlich eine große Frage und man läuft rasch Gefahr, in Sonntagsrhetorik abzugleiten. Ganz nüchtern betrachtet: Bildung ist zentral. Das zeigen auch die Zahlen sehr deutlich. Je höher der Bildungsabschluss, desto besser sind im Durchschnitt berufliche Perspektiven, Arbeitsplatzsicherheit und Einkommen. Das gilt für Individuen ebenso wie für die Volkswirtschaft insgesamt. Insofern kann man durchaus sagen: Ein gut gebildetes Land ist wirtschaftlich resilienter. Gleichzeitig wäre es jedoch verkürzt, zu glauben: Je mehr höhere Bildung, desto besser für den Standort. Wir sehen auch in Österreich, dass es massive Fachkräfteengpässe gibt. Bildungspolitik muss also immer auch die Passungsfragen mitdenken: Wo werden welche Kompetenzen gebraucht, wo entstehen Lücken? Das heißt nicht, dass Bildung ausschließlich für die Wirtschaft da sein sollte. Bildung ist kein Instrument zur reinen Fachkräfteproduktion. Ihr Kernziel ist für mich nach wie vor, die Mündigkeit, Autonomie und Selbständigkeit von Menschen zu fördern. Wenn Bildung nur darauf reduziert wird, Menschen möglichst passgenau in bestehende wirtschaftliche Strukturen einzufügen, dann ist das ein sehr verengtes Bildungsverständnis. Man darf allerdings auch nicht gänzlich am Bedarf vorbeibilden.
 
Sagt die Akademikerquote eines Landes etwas über dessen Innovations- oder Fortschrittskraft aus? Salopp gefragt: Macht ein hoher Anteil an Akademiker*innen einen Standort automatisch „klüger“?  
Man kann durchaus einen Zusammenhang herstellen zwischen höherer Bildung und Innovationskraft. Wenn man etwa Patentierungen oder Forschungsaktivitäten betrachtet, zeigt sich, dass Länder mit einem höheren Anteil an Menschen mit tertiärer Bildung hier besser abschneiden. Das ist auch logisch. Je größer die Grundgesamtheit an gut ausgebildeten Menschen, desto wahrscheinlicher ist es, dass einzelne besonders innovative Köpfe hervortreten. Ob das eine Gesellschaft insgesamt „klüger“ macht, ist eine andere Frage. Das hängt stark davon ab, was man unter Klugheit versteht. Höhere Bildung ist keine Garantie für reflektiertes Handeln im Alltag, für demokratische Haltungen oder für gesellschaftliche Verantwortung. Wir sehen ja aktuell, dass wir auf der einen Seite historisch hohe Bildungsabschlüsse haben und gleichzeitig Verschwörungsdenken und antidemokratische Tendenzen. Diese Gleichzeitigkeit zeigt: Bildung allein erklärt gesellschaftliche Entwicklungen nicht. Medienlogiken, soziale Blasen, politische Dynamiken – all das spielt eine Rolle. Bildung ist ein wichtiger Faktor, aber nicht der einzige.
 
Wenn Bildung stark als ökonomischer Standortfaktor gedacht wird, läuft man dann Gefahr, ihren gesellschaftlichen Wert zu verkennen? 
Das muss kein Widerspruch sein. Es kommt darauf an, wie breit man Bildung versteht. Ein gutes Beispiel ist Entrepreneurship Education, die mittlerweile in allen Lehramtsfächern verankert ist. Wenn man das sehr eng denkt, könnte man meinen, es gehe darum, möglichst viele Menschen zu Unternehmer*innen zu machen. Das wäre eine rein instrumentelle Sicht. Breiter verstanden, etwa in den Kompetenzmodellen der EU, umfasst Entrepreneurship Education auch Kreativität, Teamfähigkeit, ethisches Denken, Nachhaltigkeit oder Problemlösungskompetenz. Dann geht es nicht darum, alle zu Wirtschaftstreibenden zu machen, sondern Menschen Handlungsspielräume zu eröffnen. Sie sollen wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen, eigene Entscheidungen treffen können und Wahlmöglichkeiten haben. Wenn Entrepreneurship Education in diesem Sinne dazu beiträgt, Autonomie zu stärken, dann sehe ich darin eine große Synergie zwischen individueller Entwicklung und gesellschaftlichem Nutzen. Problematisch wird es dann, wenn sie nur noch danach beurteilt wird, wie gut Absolvent*innen in ein vorgegebenes Rahmenmodell passen, und man sie als reine „Wirtschaftssubjekte“ sieht.
 
Wir erleben gerade eine Zeit von Digitalisierung, KI, Fake News und wachsender Demokratiefeindlichkeit. Welche Rolle kann Bildung hier spielen?  
Inhaltlich betrachtet, haben wir heute so viele Bildungsangebote wie noch nie. Demokratiebildung, sozioökonomische Bildung, Medienkompetenz, Digitalisierung … all das ist in Lehrplänen und Curricula verankert. Das Problem ist also weniger der Mangel an Inhalten, sondern eher die Frage der Umsetzung und Bündelung. Gleichzeitig gibt es neue Ebenen, auf denen Bildung stattfindet. Oder eben nicht mehr stattfindet. Kinder und Jugendliche beziehen heute enorm viel Input aus digitalen Räumen, aus sozialen Medien, aus Peer-Groups, die sich jenseits formaler Bildungssettings bewegen. Hier stellt sich durchaus die Frage nach Regulierung und Verantwortung. Altersbeschränkungen für soziale Medien oder Handypausen in Schulen zeigen in ersten Experimenten durchaus positive Aspekte. Aber das ist eine politische und gesellschaftliche Debatte, die über die Schule hinausgeht. Und man muss erkennen: Bildung hat Grenzen. Studien zeigen, dass sich antidemokratische Einstellungen oder autoritäre Präferenzen nicht einfach durch mehr Bildung verhindern lassen. Viele Menschen, die solche Positionen vertreten, sehen sich selbst gerade als Verteidiger der Demokratie und fühlen sich innerhalb ihrer jeweiligen Blasen durchaus im Recht. Das heißt: Bildung allein reicht hier nicht. Es braucht auch emotionale Zugänge, soziale Dialogräume, andere Formen der Ansprache. Das ist ernüchternd, aber notwendig anzuerkennen.
 
Überfordern wir Schulen und Bildungseinrichtungen zunehmend mit gesellschaftlichen Aufgaben?  
Ja, diese Gefahr sehe ich durchaus. Schulen sollen heute wirtschaftliche Bildung, Demokratiebildung, Antirassismusarbeit, Gewaltprävention, Gesundheitsförderung und vieles mehr leisten. Das sind alles wichtige Themen, aber sie kommen zu den klassischen Bildungsaufgaben hinzu. Dabei darf man nicht vergessen: Die Prägung durch das Elternhaus ist nach wie vor zentral, vor allem in den frühen Lebensjahren. Frühkindliche Bildung und Förderung sind entscheidend, um soziale Ungleichheiten auszugleichen. Deshalb wäre es aus meiner Sicht enorm wichtig, hier noch stärker zu investieren. Schule kann vieles auffangen, sie kann jedoch nicht alles kompensieren, was im familiären oder sozialen Umfeld nicht stattfindet.
 
Warum tut sich in der Elementarbildung so wenig, obwohl ihre Bedeutung bekannt ist?  
Es tut sich durchaus etwas, allerdings in kleinen Schritten. Im internationalen Vergleich etwa mit skandinavischen Ländern liegt Österreich bei den Ausgaben für frühkindliche Bildung noch deutlich zurück. Das hat politische, aber auch kulturelle und ideologische Gründe. Tradierte Rollenbilder spielen hier eine große Rolle. Teilzeitarbeit betrifft nach wie vor überwiegend Frauen, viele Mütter entscheiden sich selbst bei vorhandenen Angeboten bewusst gegen eine ganztägige Betreuung. Das ist eine individuelle Entscheidung, doch sie ist eingebettet in gesellschaftliche Erwartungen und Normen. Deshalb reicht es nicht, nur Infrastruktur aufzubauen. Es braucht einen kulturellen Wandel und da sind Männer, Väter, Arbeitgeber*innen, da sind Politik und Gesellschaft gleichermaßen gefordert.
 
Gibt es in diversen Gesellschaften, wie wir sie heute (er)leben, überhaupt noch so etwas wie ein allgemein gültiges Bildungsverständnis oder sind Bildungsbiografien derart unterschiedlich, dass ein gemeinsamer Nenner schwierig zu definieren ist?  
Das gibt es durchaus, zumindest im Sinne von Grundkompetenzen. Lesen, Schreiben und mathematische Grundkenntnisse sind nach wie vor zentral. Vor allem Lesen und Schreiben sind essenziell für Denkprozesse. Wenn Schreiben zunehmend an die KI ausgelagert wird, besteht die Gefahr, dass Lern- und Entwicklungsprozesse verkürzt werden. Gerade in einer heterogenen Gesellschaft müssen diese Basiskompetenzen besonders gefördert werden. Darüber hinaus gewinnen Diversitäts- und Inklusionskompetenzen an Bedeutung. Lehrpersonen werden heute darauf vorbereitet, mit Heterogenität umzugehen. Das ist ein klarer Fortschritt der letzten zehn, 15 Jahre. Auch Themen wie Wirtschafts- und Demokratiebildung werden bewusst früher angesetzt. Das ist sinnvoll, weil Kinder sehr früh mit Konsumwelten und ökonomischen Entscheidungen konfrontiert sind. Diese Themen müssen nicht zwingend eigene Fächer sein, sondern können und sollten übergreifend vermittelt werden. Der Bildungskanon ist wichtig, doch nicht in Stein gemeißelt. Er muss sich an gesellschaftliche Entwicklungen anpassen.
 

Interview: Marina Bernardi
Fotos: Andreas Friedle

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