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Wirtschaft

Heimaten

23.2.2026

Hüseyin Evren ist gebürtiger Pradler. Er wuchs mit acht Geschwistern und seinen Eltern in der Innsbrucker Gaswerkstraße auf, nur einen Steinwurf vom Rapoldipark entfernt. Schon in der Volksschule fiel seine Begabung auf. Die Lehrerin riet den Eltern, ihn auf eine höhere Schule zu schicken. „Niemand wusste genau, was ein Gymnasium ist“, sagt er. Dennoch wird auf den Rat der Lehrerin gehört, und ab 1983 besucht Evren das Reithmanngymnasium in der Reichenau. Dort fühlt er sich wie ein Fremdkörper. Zu dieser Zeit gibt es dort noch kaum türkischstämmige Schüler*innen. Weil er eine höhere Schule besucht, gilt er auch daheim in der Gaswerkstraße als Außenseiter. „Ich habe mich überall – sowohl im Hof als Gymnasiast als auch in der Schule als migrantisches Kind – fremd gefühlt“, erinnert er sich an seine Kindheit. In der Schule wird er gemobbt. „Ich musste mir immer wieder Sprüche anhören wie: ‚Du sprechen schon deutsch?‘ Der Direktor hat mich zudem als ‚Türke in Tirol‘ bezeichnet.“ Das hinterließ Spuren beim sensiblen Kind. Evren bricht die Schule ab und jobbt fortan bei McDonald’s.

Heute, viele Jahre später, ist der 1973 geborene Innsbrucker medizinischer Direktor und Primar im Krankenhaus Laas im Kärntner Gailtal. Schon bald wird er nach Hochzirl wechseln und dort denselben Posten bekleiden. „Eine Bilderbuchbiografie habe ich nicht vorzuweisen“, sagt Evren. Er ist der zweitjüngste Spross einer Gastarbeiterfamilie mit acht Kindern. Sechs Geschwister sind noch in der Türkei geboren, Hüseyin Evren und eine jüngere Schwester bereits in Tirol. „Ich bin wahrscheinlich eines der ersten Kinder, die in den 1970er-Jahren in einer Gastarbeiterfamilie geboren wurden. Anfangs kamen ja nur die Männer, die Familien blieben meist in der Türkei“, erzählt er. Sein Vater kam 1970 nach Tirol, 1972 folgte die Familie. In der Gaswerkstraße hätten damals fast ausschließlich Gastarbeiterfamilien gelebt. „Jugoslawen, Türken, Italiener – es gab nur eine österreichische Familie. Das waren die Hausmeister“, erinnert er sich.

McDonald’s und Matura

Nach einigen Jahren bei McDonald’s heiratet Hüseyin Evren und gründet eine Familie. Zwischenzeitlich holt er in der Abendschule die Matura nach. „Ich habe das Pferd von hinten aufgezäumt“, sagt er. 1994 beginnt er ein Studium der Humanmedizin an der Universität Innsbruck. Allerdings nicht, weil ihn die Medizin besonders fasziniert hätte. „In meiner Community kannte und schätzte man damals nur zwei Studienrichtungen: Medizin und Rechtswissenschaften.“ Ein Stipendium gab es nicht, also bestand der Alltag aus „Arbeit, Studium, Familie“ – wobei Letztere immer an erster Stelle stand. „Ich wollte als junger Mensch Kinder. Mein Vater war über 40, als ich geboren wurde. Deshalb hatte ich zu ihm nie eine Vater-Sohn-Beziehung, sondern eher eine wie zwischen Großvater und Enkel“, sagt er. Seinen eigenen Kindern wollte Evren ein junger, vitaler Vater sein. Die Mehrfachbelastung zog das Studium naturgemäß in die Länge. Mehrmals pausierte er, weil er Geld für seine junge Familie verdienen musste. „Ich war sogar mehrmals knapp dran aufzuhören“, meint er rückblickend. Das Gastgewerbe – und dazu gehört McDonald’s – wäre allerdings eine berufliche Sackgasse gewesen.

Seine Beharrlichkeit zahlte sich aus: Er beendete das Studium mit dem Doktortitel in der Tasche. Um das Medizinstudium neben Familie und Arbeit zu bewältigen, brauchte es Biss und Durchhaltevermögen. „Von mir selbst, aber noch mehr von meiner Frau, die sich um die Kinder gekümmert hat, während ich gearbeitet und studiert habe. Ohne ihre bedingungslose Unterstützung wäre das völlig undenkbar gewesen“, sagt er dankbar. „Meine Frau hat in dieser Zeit keine Wünsche geäußert und maximal zurückgesteckt. Während andere sich mehr leisten konnten, hat sie sich mit dem Notwendigsten begnügt.“

Zwischen den Kulturen

Als Evren 2011 seinen Turnus begann, war er einer der Älteren. Die Konkurrenz war groß, es gab eine Ärzteschwemme. Eine Karenzstelle in Hochzirl erwies sich als Glücksfall: Das Haus kannte er bereits, die befristete Anstellung wurde zur fixen Ausbildungsstelle. Evren wurde Internist, später Stationsleiter. Als sich das Team in Hochzirl neu formierte, zog es ihn nach Laas, in ein kleines Krankenhaus, das Hochzirl in vielem ähnelt. „Das war eine neue berufliche Herausforderung, verbunden mit Managementaufgaben. Das Haus musste ich zunächst einmal auf der Karte suchen“, sagt er. Evrens Familie blieb in Innsbruck, also pendelt der Primar wöchentlich über den Felbertauern hin und zurück. Mit seiner Arbeit ist er sehr zufrieden: „Es ist ein toll geführtes Haus.“

Doch den Familienmenschen zieht es zurück in die Heimat. „Seit über einem Jahr bin ich Opa“, erzählt er. Wie es der Zufall will, wird an seiner früheren Wirkungsstätte in Hochzirl ein Primariat ausgeschrieben. Evren bewirbt sich und bekommt den Job. Mit März 2026 zieht er wieder nach Hause. „Hochzirl war immer meine berufliche Heimat. Ich bin dort gern gewesen, hätte mir aber auch vorstellen können, mit meiner Frau hier in Laas zu leben“, sagt er. Daheim ist es aber doch am schönsten. „Ich bin gebürtiger Innsbrucker, habe meine Kindheit dort verbracht, mein ganzes Umfeld ist dort. Es zieht mich stark zurück nach Tirol.“ Von seinen Eltern konnte man das indes nicht behaupten. „Meine Eltern sind nach ihrer Pensionierung zwar noch lange in Tirol geblieben, aber dann doch irgendwann zurück in die Türkei gezogen. Sie haben sich wahrscheinlich nie so ganz heimisch gefühlt, weil sie von vornherein nie mit dem Gedanken gespielt haben, dass auch hier Heimat sein könnte“, erzählt er. Als der Vater vor einigen Jahren hochbetagt verstarb, holte die Familie die Mutter zurück nach Tirol, um sie gut betreuen zu können. „Die Türkei ist für meine Generation mittlerweile der Ursprung unserer Familien, aber nicht mehr Heimat. Ein Ort, zu dem wir gerne reisen und wo wir gerne Zeit verbringen. Ich glaube aber kaum, dass sich jemand, der hier in Tirol aufgewachsen ist, dauerhaft dort wohl fühlt. Die Mentalität ist einfach eine andere“, sagt Evren. „Mit einem Bein ist man in unserer Generation noch dort, weil dort noch Menschen – Eltern, Großeltern oder Geschwister – leben, zu denen man einen direkten Bezug hat.“

Wer wie Hüseyin Evren zwischen zwei Kulturen lebt, kennt ihre Stärken und Spannungen aus erster Hand. „Die türkische Community hält zusammen“, sagt er. Das hat Vor- und Nachteile. „Die sogenannte Integration – was immer das auch heißen mag – leidet darunter.“ Viel Zeit ist vergangen, seit die ersten türkischen Gastarbeiter in den 1970ern nach Tirol gekommen sind. „Und trotzdem kennt man sich kaum“, meint er nachdenklich. „Ich bin vielleicht einer der wenigen, der beide Kulturen gleich gut kennt.“ Trotzdem würden ihn manche Menschen nicht als ausreichend integriert betrachten. „Ich lebe meine Kultur, mit der ich aufgewachsen bin.“ Evren ist gläubiger Muslim. Das große Missverständnis, das der Integration zugrunde liegt, ist für ihn, dass damit in der Mehrheitsgesellschaft oft Assimilation gemeint ist. Schweinsbraten, Lederhose und Jodeln, könnte man überspitzt sagen. Eine völlige Angleichung ist jedoch weder wünschenswert noch realistisch. Kulturelle Eigenheiten machen eine Gesellschaft vielfältiger – und widerstandsfähiger. Diesen Prozess nennt man Akkulturation. „Man entwickelt gemeinsam eine eigene Kultur, die sich ergänzt und voneinander lernt“, formuliert Evren seine Idealvorstellung. Wenn man einander den nötigen Platz gibt, entwickelt sich die Gesellschaft von selbst weiter und findet zueinander. Ein offeneres gesellschaftliches Klima könnte die Entstehung von Parallelgesellschaften verhindern. „Das ist schade, man könnte so viel voneinander lernen“, sagt Evren, der sich schon allein von Berufs wegen in beiden Welten bewegt. Er ist skeptisch, ob sich die Gegensätze so einfach abbauen lassen. „Dazu müssten Wohlstand und Bildung gerechter verteilt sein.“

Gerade Bildung wird in Österreich stark vererbt. Die Herausforderungen seien mit der Flüchtlingswelle 2015 nicht kleiner geworden, meint der Primar. „Ich sehe mehrere Parallelgesellschaften entstehen.“ Das Zueinanderfinden werde dadurch zusätzlich erschwert. Evren erinnert an etwas, das die Mehrheitsgesellschaft oft negiert: „Der religiöse Hintergrund ist immer ganz wichtig.“ Wer miteinander etwas unternehmen wolle, müsse sich auf kulturelle und religiöse Einschränkungen einlassen. „Deshalb gehen Türken auch selten zu Nicht-Türken essen – weil die Auswahl für uns gering ist, weil es etwa kein Speisenangebot gibt, das ha-lal ist.“ Als kleinster gemeinsamer Nenner bleibt oft nur ein vegetarisches Restaurant, das keinen Alkohol ausschenkt. Da wird die Auswahl schon eng. Gerade gemeinsames Essen könnte jedoch verbindend wirken, sofern man sich im Rahmen des kulturell und religiös Vertretbaren aufeinander einlässt. Evren weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig das sein kann. „Familie, Ehre, Respekt“, zählt er die wichtigsten Eckpunkte im türkischen Wertekosmos auf. Dementsprechend würden Beleidigungen zu „massiver Konflikteskalation“ führen. „Deshalb lassen sich Türken sehr schnell provozieren, wenn es um die Familie oder die Religion geht“, räumt er ein. Der Mehrheitsgesellschaft fehle dafür oft die Sensibilität. Hier könnte die Goldene Regel Abhilfe schaffen: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Evren plädiert dafür, mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen. Er geht davon aus, dass es noch einige Generationen dauern wird, bis sich eine tiefere Akkulturation vollzieht und Gegensätze abflauen. „Dann wird sich eine gemeinsame Kultur herausentwickeln – wie immer sie auch aussehen mag“, sagt er.

Hüseyin Evren hat sich seit seiner Kindheit in der Gaswerkstraße viele Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, fremd und heimisch zu sein. Früher fühlte er sich fremd. Heute setzt er sich dafür ein, dass alle Menschen, die hier in Tirol leben, auch hier Heimat finden können.

Text und Fotos: Marian Kröll

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