
Der PLAN A war die Globalisierung, der Friede und der Fortschritt durch internationa-len Handel. Dieser Plan ist nicht gescheitert, aber er braucht Alternativen. Tirol hat das Know-how und die Voraussetzungen, sie zu entwerfen und umzusetzen. Woran es noch fehlt, ist das Know-why. Souveränität im 21. Jahrhundert fängt nicht an der Staatsgrenze an, sondern bei Energie, Ernährung, Wissen und Infrastruktur.
Die Krise besteht gerade darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann: In diesem Interregnum treten die vielfältigsten morbiden Erscheinun-gen auf. Antonio Gramscis Beschreibung ist heute mehr denn je zeitgemäß und zei-tengemäß. Mit den morbiden Erscheinungen – vielfach plakativ als Monster über-setzt – meinte der marxistische Philosoph gesellschaftliche Krisensymptome wie Radi-kalisierung, politischen Autoritarismus, Verschwörungstheorien oder den Aufstieg reak-tionärer Bewegungen. Gegenwärtig gibt es von all diesen Dingen mehr als genug. Der Niedergang der bestehenden Ordnung hat sich bereits im letzten Vierteljahr-hundert nach der Jahrtausendwende angekündigt. Zunächst schleichend, 2008/2009 dann mit einem großen Knall. Dem ersten, dem in immer kürzeren Abstän-den weitere gefolgt sind – Pandemie, Krieg in Europa, Energiekrise, ein möglicher Flä-chenbrand in der Golfregion und die Mutter aller Ölkrisen, die sich immer mehr abzu-zeichnen beginnt. Und Donald John Trump, Klappe die Zweite. Die erste Amtszeit war chaotisch, die zweite ist gefährlich chaotisch, zumal der erratischste US-Präsident der neueren Zeit anders als 2016 sich nur noch mit Ja-Sagern und Speichelleckern umgibt, die weder das Rückgrat noch die Autorität haben, ihn einzuhegen. Donald Trump ist nicht die Krise. Er ist bloß ihr (lautestes) Symptom.
Gegenwärtig deutet nur wenig darauf hin, dass dieses Gramsci’sche Interregnum nur ein kurzes Intermezzo bleiben wird. Schockstarre und Vogel-Strauß-Politik sind keine probaten Mittel, um dem Weltenlauf zu begegnen. Es braucht mehr Mut und Selbst-gewissheit und das Vertrauen darauf, dass die Demokratie und ihre Institutionen die-se Phase der Instabilität überdauern können. Das ist garantiert, wenn es Bür-ger*innen gibt, die ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Demokratie historisch nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist, die es zu bewahren gilt. Winston Churchill hatte vollkommen recht: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – ab-gesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ Die Demokratie braucht einen starken Arm, um dem Rad der Zeit in die Speichen greifen zu können.
Doch diese Selbstgewissheit braucht ein materielles Fundament. Eine wehrhafte De-mokratie definiert sich im 21. Jahrhundert nicht mehr nur über intakte Institutionen, sondern auch über ihre Lieferketten. Wer bei der Energie von Autokraten abhängig ist, wessen Landwirtschaft am Tropf globaler Rohstoffmärkte hängt und wer den technologischen Herzschlag seiner Industrie nach Asien ausgelagert hat, hat sich erpressbar gemacht. Und Erpressbarkeit ist nun einmal das Gegenteil von Souveräni-tät. Es braucht einen Plan B. Der kann nicht Isolation und das Schmoren im eigenen Saft bedeuten, sondern den Ausbau der eigenen Handlungsfähigkeit und kol-lektiven (Selbst-)Wirksamkeit, sei es im Energiesektor, in der nachhaltigen Landwirt-schaft, in der Industrie – eigentlich in allen Sektoren des Wirtschaftslebens. Globalisie-rung ist der Plan A. Lange Zeit ist er aufgegangen. Es ist alles andere als fix, dass das so bleibt.
Energiepolitik ist Standortpolitik
Stabile und günstige Energieversorgung ist die Achillesferse einer jeden Volkswirt-schaft. Hier hat Europa durch seine – in der Vergangenheit sehenden Auges herbei-geführte – Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die hier nicht ausreichend „natür-lich“ zur Verfügung stehen, einen internationalen Wettbewerbsnachteil. Tirol könnte anders (sein). Öl gibt es hier ebenso wenig wie Gas. Die Sonne scheint, der Wind weht, aber das ist andernorts auch so. Tirol sitzt allerdings auf einem Wasserschatz und hat dem Gelände, dieses Wasser auch als Speichermedium nutzbar zu ma-chen. Das ist in der Vergangenheit bereits geschehen, sollte jedoch intensiviert wer-den. Energiepolitik ist Standortpolitik. Die Energiewende braucht nicht nur die Sonn-tagsrede, sondern den Rückhalt einer Bevölkerung, der bewusst ist, dass viel auf dem Spiel steht. Schafft man es durch die Energiewende, die teuren fossilen Kraftwerke aus dem Markt zu drängen, wirkt das preisdämpfend, für den Endverbraucher ebenso wie für die energiehungrige Industrie.
Die Energiewende ist kein überambitioniertes Technikprojekt, sondern eine gesamt-gesellschaftliche Anstrengung. Tirol hat das Wasser. Was es noch braucht, ist den Mut, es überall dort zu nutzen, wo es sinnvoll ist. „Wenn wir die absolute Dringlichkeit der Energiewende jetzt noch nicht begriffen haben, dann frage ich mich: Wann dann?“, fragt sich nicht nur TIWAG-Vorstandsdirektor Michael Kraxner. Und ja, die Energiewende bringt unvermeidliche Konflikte mit dem Naturschutz. Sie wird nicht unsichtbar gemacht werden können, wiewohl ein beträchtlicher Teil der Infrastruktu-ren – etwa in Pumpspeicherkraftwerken – tatsächlich unterirdisch ist. Die Energie-wende wird beträchtliche Investitionen in die Netzinfrastruktur mit sich bringen müs-sen. Der Ausbau der Solarenergie bringt Gegenverkehr in die früheren Einbahnstra-ßen. Photovoltaik macht jeden zum potenziellen Stromproduzenten. Stromleitungen werden verstärkt und neu gebaut werden müssen. Man kann versuchen, sie zu ver-stecken – oder herzuzeigen, denn diese Leitungen sind die Arterien der modernen Zivilisation.
Weltfremde Excel-Ökonomie
Landwirtschaft, könnte man annehmen, hat mit alledem nichts zu tun. Weit gefehlt. Tirols traditionell kleinstrukturierte Landwirtschaft betreibt Landschafts- und Image-pflege für das Tourismusland Tirol. Das ist ein Teil der Wahrheit. In der größeren Per-spektive ist moderne Landwirtschaft heute nichts anderes als die Umwandlung fossi-ler Energie in Kalorien. Damit das effizient funktioniert, braucht es Düngemittel. Sie werden wesentlich aus fossilen Energieträgern erzeugt. Die Blockade der Straße von Hormus sorgt für ihre Verknappung am Weltmarkt. Das lässt wiederum die Preise stei-gen und – weit gravierender – die globale Ernährungssicherheit kollabieren. Das alte System der scheinbar grenzenlosen, billigen Agrar-Globalisierung stößt an seine geo-politischen und physischen Grenzen. Der Tiroler Plan B in der Landwirtschaft könnte ausgerechnet jener Topografie und Kleinstrukturiertheit entspringen, die im internati-onalen Wettbewerb lange Zeit als romantischer, aber ineffizienter Nachteil belächelt wurde. Die regionale Antwort auf globale Krisenanfälligkeit könnte alpine Kreislauf-wirtschaft heißen. Erzeugergenossenschaften wie Bioalpin mit ihrer etablierten Marke „Bio vom Berg“ könnten die Grundlage für diese Resilienz sein. Was auf den ersten Blick nach einem cleveren Marketinginstrument für qualitätsbewusste Konsumenten aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als elementarer Bestandteil der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln – aus dem Land für das Land. Wird auf ener-gieintensiv hergestellte Kunstdünger weitestgehend verzichtet und stattdessen der Fokus auf geschlossene, regionale Futter- und Nährstoffkreisläufe gerichtet, entkop-pelt die Landwirtschaft ihre Höfe ein Stück weit vom globalen Wahnsinn. Dabei bleibt die Wertschöpfung im Land, die Transportwege kurz. Subsistenz und Vernet-zung dürfen nicht als Rückfall in die vorindustrielle Zeit gedeutet werden, sondern vielmehr als hochaktuelle Überlebensstrategie. Wer seine Betriebsmittel vor dem ei-genen Hoftor findet, den kann die Blockade einer Seestraße nicht länger aus der Ruhe bringen. Billiger werden Nahrungsmittel dadurch freilich nicht. Der zunehmende Preisdruck geht aber von den internationalen Bedingungen – sprich Knappheit – aus und wird hoch bleiben.
Die Jahrzehnte des Überflusses scheinen vorerst vorbei zu sein. Der Klimawandel – „El Niño“ wird heuer super – trägt ein Übriges dazu bei. Das Weltklima wird nicht in Tirol gemacht und auch nicht maßgeblich von den hiesigen ökonomischen und sonsti-gen Aktivitäten beeinflusst. Macht nichts. Dennoch setzt das Land schon seit vielen Jahren auf eine möglichst saubere Industrie und saubere Umwelt. Sie ist nicht nur in der touristischen Wertschöpfung das Kapital Tirols. Eine intakte Umwelt ist die Grund-lage der Lebensqualität. Die Tiroler*innen sind stolz darauf, dort zu leben, wo viele Menschen ihren Urlaub verbringen wollen. Der Klimawandel macht aber gerade vor Europa und ganz besonders den Alpen nicht Halt. Ganz im Gegenteil ist die Erwär-mung dort überdurchschnittlich. Die Folgen sind gravierend und bringen nicht nur die Artenvielfalt im Alpenraum, sondern auch den menschlichen Siedlungsraum und die Ernährungssicherheit unter Druck. Hochdekorierte Ökonomen wie William Nord-haus verstiegen sich zur wissenschaftlich verbrämten Behauptung, dass klimabeding-te Störungen der Landwirtschaft, da sie – konkret auf die USA bezogen – nur drei Pro-zent der Wirtschaftsleistung ausmachen, keine „sehr großen Auswirkungen auf die US-Wirtschaft“ haben würden. Für die globale Wirtschaft gilt Ähnliches. Das ist natür-lich weltfremde Excel-Ökonomie. Es ist erstaunlich, dass es noch immer Ökonomen gibt, denen nicht ausreichend bewusst ist, dass man Geld nicht essen können wird, wenn es durch den Klimawandel zu einem gleichzeitigen Ernteausfall in den globa-len Hauptanbaugebieten (multiple breadbasket failure) kommt. Das System ist fragi-ler als gemeinhin angenommen, rund die Hälfte der weltweiten Kalorienzufuhr basiert auf den drei Kulturen Mais, Weizen und Reis. Was das mit Tirol zu tun hat? Tirol muss auf seine Landwirtschaft achten und ihr ermöglichen, zu erblühen. Die Konsu-ment*innen müssen in den Supermarktregalen bewusster Ja zu Produkten aus Tirol sagen, nicht nur, sondern gerade weil die Preise für Grundnahrungsmittel aus ande-ren Teilen der Welt dynamisch steigen werden und dadurch die nachhaltige In-landsproduktion wettbewerbsfähiger wird.
Nicht auf Sand gebaut
Essen ist ein Grundbedürfnis. Wohnen auch. Bauland ist in Tirol begrenzt und teuer. Das ist ein topografisches Faktum, aber nur ein Teil der teuren Heimat. Der Plan A bei den Baustoffen hieß auch hier jahrelang global, ohne Rücksicht auf die Emissionsbi-lanz und möglichst billig. Stahl, Zement und erdölbasierte Dämmstoffe waren in der globalen Bauwirtschaft das Maß der Dinge. Extrem energieintensiv in der Herstellung und mit zunehmend fragilen Lieferketten. Ihr großer CO2-Fußabdruck ist angesichts steigender Bepreisung vom ökologischen zum ökonomischen Risiko geworden. Wer heute noch so baut wie im späten 20. Jahrhundert, baut auf Sand. Im wahrsten Sin-ne des Wortes, denn selbst dieser elementare Rohstoff wird immer mehr zur globalen Mangelware. Dabei liegt der Baustoff, auf dem der Tiroler Plan B basieren kann, di-rekt vor der Haustür. Beton ist vielseitig, Holz ist genial. Das mag ein Werbeclaim sein, aber es steckt etwas Wahres dahinter. Die Rückbesinnung auf den Baustoff Holz, der heute durch neue Produktions- bzw. Verarbeitungsmethoden so vielseitig und leis-tungsfähig ist wie nie zuvor, hat nichts mit architektonischer Nostalgie oder gar alpi-ner Almhüttenromantik zu tun. Sie kann als technologische Kampfansage an die fos-sile (Bau)ordnung gelesen werden. Tirols Unternehmen aus der Holzindustrie sind nicht umsonst weltweit im Spitzenfeld angesiedelt. Auch hier heißt das Zauberwort wieder Kreislaufwirtschaft, die restlose Verwertung der Ressource. Aus dem Stamm entsteht Brettsperrholz, ein Hightech-Material, das es in puncto Statik und Brandschutz in vie-len Anwendungen mittlerweile sogar mit Stahlbeton aufnehmen kann. Der Abfall, die Sägenebenprodukte wie Rinde oder Späne, wird nicht etwa entsorgt, sondern in Biomassekraftwerken zu grüner Energie und Wärme umgewandelt oder zu Pellets gepresst. „Zero Waste“ ist hier keine Worthülse aus dem Marketing, sondern gelebte Praxis. Holzgebäude speichern CO2, Holz heißt Unabhängigkeit von den volatilen globalen Rohstoffmärkten.
Während globale Frachtraten und Produktionskosten explodieren, wächst der Tiroler Plan B in den heimischen Wäldern nach. Es sei denn, der Klimawandel macht die-sem Szenario einen Strich durch die Rechnung. Es gibt aber mittlerweile ein Bewusst-sein für klimafitte Wirtschaftswälder und Forstwirtschaft. Schließlich kommt das Prinzip der Nachhaltigkeit nicht von ungefähr. Resilienz ist kein einmalig zu erreichendes Ziel, sondern ein instabiler Zustand, der ständig erarbeitet werden muss und Anpassun-gen erfordert.
Tirol ist nicht Taiwan
Auf Tirols Almen gibt es zwar seltene Pflanzen, aber eben keine seltenen Erden. Halb-leiter, neben dem elektrischen Strom ein weiteres Herzstück unserer Zivilisation, lassen sich nicht aus Holz schnitzen. Hier stößt die Kreislaufwirtschaft und Regionalisierung an ihre Grenzen. Einen Tiroler Weg kann es aber auch hier geben. Tirol ist nicht Taiwan und wird es auch nie werden. Energie, Ernährung und Baumaterial lassen sich bis zu einem gewissen Grad regionalisieren. In der Mikroelektronik ist die Abhängigkeit ganz Europas erdrückend. Sollte China einen Angriff auf Taiwan wagen, legt die globale Wirtschaft binnen kürzester Zeit eine Vollbremsung hin. Wie könnte hier ein realisti-scher Plan B aussehen?
Das Inntal ist nicht das Silicon Valley. Niemand wird hier Chipfabriken bauen. Die Hardware wird man auch zukünftig nicht hier sourcen können, aber die Software, das Know-how, Intellectual Property, sehr wohl. Wie es gehen könnte, zeigt heute schon die Tiroler Medizintechnik, allen voran MED-EL, ein Weltmarktführer bei kom-plexen Hörimplantaten, der auf hohe Fertigungstiefe vor Ort setzt, anstatt Kernkom-petenzen aus Kostengründen an Auftragsfertiger auszulagern. Ein weiteres Name-Dropping bleibt Ihnen hier erspart, die Unternehmen, die Tirol prägen und gestalten, sind ohnedies überwiegend in der Liste der 500 umsatzstärksten Unternehmen in die-sem Heft (ab Seite 196) zu finden.
Das Inntal hat darüber hinaus ein gewisses Potenzial, eine Art Quantum Valley zu werden und die nächste Revolution nach KI mitzugestalten. Die Anfänge sind ge-macht, es gibt vielversprechende universitäre Spin-offs. Die Saat ist mit Spin-offs wie Alpine Quantum Technologies (AQT) und ParityQC bereits gesät, nun gilt es darauf zu achten, dass nicht wieder andernorts geerntet wird. Nämlich dort, wo ohnehin bereits alle Fäden unserer datenzentrierten Zivilisation zusammenlaufen.
Technofeudalismus geht uns alle an
Bei den Techbros mit ihren Fantastilliarden und ihrer Skrupellosigkeit, die sich immer offener zeigt und denen die Demokratie mit ihren Spielregeln und ihrer Behäbigkeit und egalitären Teilhabe lästig geworden zu sein scheint. Aus ostentativen California Lefties ist binnen einiger weniger Jahre ein Kabal geworden, das eigene Regeln für sich beansprucht, sich von der Normalität und den Lebensrealitäten der normalen Bürger*innen abschottet. Was droht, ist der Technofeudalismus, an dessen Spitze die heutigen Tech-Oligarchen wie digitale Feudalherren agieren und alle anderen – die modernen Leibeigenen – mit ihren Daten abhängig gemacht werden. Auch dage-gen braucht es einen Plan B, der freilich nicht von Tirol ausgehen wird, sondern ein Akt demokratischer Selbstbehauptung sein muss, der überall dort beheimatet ist, wo das Herz der Demokratie noch schlägt. Auf die Region heruntergebrochen kann das heißen: Wer seine Energieversorgung, seine Nahrungsmittelproduktion, seine Baustoffe und sein technologisches Know-how als materielles Fundament der eigenen Hand-lungsfähigkeit begreift, baut an einer Resilienz, die sich diesen neuen Feudalherren nicht widerstandslos unterwirft und ihnen auch nicht schutzlos ausgeliefert ist.
Diese Warnung mag heute noch alarmistisch klingen, die Stoßrichtung der Superrei-chen kristallisiert sich aber zunehmend klarer heraus. DOGE, das obskure Depart-ment of Government Efficiency, dessen Leitung unter Trump II von Elon Musk über-nommen wurde, ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was droht, wenn Demo-kratie zahnlos wird und die Reichsten das Kommando übernehmen: Die Mehrheit der Weltbevölkerung wird zum Spielball, zur Verschubmasse degradiert. Mit der Digi-talisierung schreitet zudem auch die Finanzialisierung sämtlicher Lebensbereiche vo-ran. Rekordverdächtige Bewertungen bei IPOs bzw. Börsengängen – jüngst SpaceX – bringen einerseits die ersten Billionäre hervor, andererseits kommen ETFs um diese abenteuerlich bewerteten Unternehmen ob ihrer schieren Größe kaum herum. In der Praxis heißt das, dass auch die Portfolios von Pensionsfonds und Kleinanleger*innen mit den Aktien von SpaceX und Co. „angereichert“ werden. Die Aktien besparende Allgemeinheit wird dadurch zum Bagholder.
Wer zugleich Sinn für Humor und Zynismus hat, möge sich die Prospektunterlagen zum Börsengang von SpaceX ansehen. Dort steht schwarz auf weiß, auf welchen völlig realitätsfernen Annahmen – Rechenzentren im Weltall, Raketen als Alternative zum Flugzeug auf der Erde und andere Dinge, die an Science-Fiction erinnern – die utopische Bewertung des Unternehmens aufbaut. Mondfabriken und dergleichen sollen wohl die Mondpreise rechtfertigen, die für SpaceX-Anteile bezahlt werden. In breiterem Kontext heißt das, dass sich die Umverteilung von unten nach oben nach der Pandemie weiter beschleunigt hat. Der Cantillon-Effekt* ist in den vergangenen Jahren bedrückend eindrucksvoll sichtbar geworden. Ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegensatz zum Finanzkapitalismus, von dem überwiegend die Shareholder profitie-ren, sind in der gemäßigten Demokratie die Stakeholder maßgeblich. Sie bezieht ihre Legitimation daraus, die Bedürfnisse der ganzen Bevölkerung, der Vielen und nicht der wenigen Privilegierten, im Auge zu behalten. So wie es die Aufgabe der Politik ist, auf die Bevölkerung zu schauen, ist es umgekehrt die Aufgabe des Wahlvolks, auf die Demokratiequalität zu achten. Das geht allein dadurch, dass man sich nicht aus dem Diskurs und der politischen Willensbildung herausnimmt und protestiert, wenn etwas zu weit geht.
Souverän in der Krise
Will Tirol als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort in seinen bisherigen Stärkefeldern reüssieren, braucht es weiterhin Grundlagenforschung auf höchstem Niveau, wie sie an der Universität Innsbruck praktiziert wird. Es ist nicht hilfreich und kurzsichtig, wenn die Bundesregierung bei den Universitäten den Rotstift ansetzt. Politik denkt und plant aber nun einmal in Legislaturperioden. Sie sind für die Politik die einzig relevan-ten Zeiträume, denn etwaige Leitbilder und Visionen werden meist kommentarlos abgeräumt, wenn nach den Wahlen das Sesselrücken stattfindet. Das ist das Wesen der Demokratie, aber nirgendwo steht geschrieben, dass etwas mehr Weitsicht – und analog zu eigentümergeführten Unternehmen, die nicht allein dem Shareholder-Value verpflichtet sind, politisches Handeln und Denken in Generationen – verboten wäre. Denn diese Weitsicht ist es, die den Unterschied zwischen bloßem Re(a)gieren und echter Souveränität ausmacht. Letztlich ist nicht nur die Politik angehalten, da-ran mitzubauen, dass Tirol den Stürmen widersteht, die in dieser Zeit der Monster her-aufziehen, sondern alle Unternehmen und nicht zuletzt alle Bürger*innen. Souverän ist, wer den Ausnahmezustand gestaltet.
Text: Marian Kröll

