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Mann der Extreme

3.7.2026

Kurt Matzler ist Professor für strategisches Management an der Universität Innsbruck. In seiner Freizeit geht er noch einer anderen sitzenden Tätigkeit nach: Matzler ist Ultracycling-Weltmeister und mehrfacher Solo-Finisher des Race Across America (RAAM), das zu den härtesten Radrennen der Welt gehört. Die Ereignisse seines letzten RAAM-Antritts hat in Buchform gegossen: „Wenn du in der Hölle bist, fahr weiter!“ Wir hätten ihn fragen können, was man daraus für die Welt der Unternehmensführung lernen kann und was Management und Extremsport gemeinsam haben und dergleichen nicht unspannende, aber zigfach wiederholte Thesen. Haben wir nicht. Stattdessen sind wir dorthin gegangen, wo es – so wie im Radsport und im echten Leben – auch einmal richtig weh tun kann.

eco.nova: Als Wissenschaftler liegt noch eine jahrzehntelange Karriere vor Ihnen, für den Extremsportler Kurt Matzler tickt die Uhr dagegen schneller. Wie wollen Sie als Adrenalinjunkie Ihre weitere Karriere gestalten? Kurt Matzler: Ultracycling kann man bis ins hohe Alter machen. Der Franzose Dominique Briand hat vergangenes Jahr mit 72 das RAAM gefinished.

Geistert der als Vorbild in Ihrem Kopf herum? Nein. Ich plane von Jahr zu Jahr und absolviere meistens nur ein Rennen. Ich bin kein Profi, muss nicht mehr machen und tue folglich, wozu ich Lust habe. Bei mir steht das Erlebnis im Vordergrund und weniger das Ergebnis.

Wenn man in Ihrem Buch von den Qualen und Strapazen liest, die Sie auf sich genommen haben, dürften Sie vermutlich eine andere Definition von Spaß haben als die meisten anderen Menschen? Auch das ist relativ. Ich habe jahrelang dafür trainiert. Natürlich gehe ich an meine Grenzen – und die sind wahrscheinlich weiter als die Grenzen anderer Hobbysportler. Es stellt sich die Frage: Warum macht man so etwas Extremes überhaupt?

Warum? Der Psychologe Mihály Csikszentmihalyi hat es in seinem Flow-Konstrukt auf den Punkt gebracht: Die schönsten Momente in unserem Leben haben wir in der Regel nicht in der Ruhe oder Entspannung, sondern immer dann, wenn wir psychisch oder physisch an unsere Grenzen gehen, um etwas zu erreichen, was wir uns kaum zugetraut haben. Darum geht’s eigentlich.

Sind Sie also weniger Adrenalin-Junkie als jemand, der nach dem Flow sucht? Im Grunde ja. Die Ziellinie ist nicht der alleinige Fokus. Es ist die monatelange Vorbereitung, wo es große Leidenschaft braucht. Sonst verschwindet irgendwann einmal die Begeisterung für das Ziel. Der Weg ist das Ziel.

Ist es tatsächlich so einfach? Ich bin wie gesagt kein Profisportler, sondern mache das aus Begeisterung, aus Leidenschaft. Erziele ich beim Rennen ein gutes Ergebnis – und Platzierungen zählen für mich nicht –, ist das das Resultat von Begeisterung und Leidenschaft für das Training und das Radfahren…

… und einer gewissen Lust an der Selbstüberwindung? Ja, es gehört dazu, die eigenen Grenzen auszuloten und zu erfahren, wozu man fähig ist. Verbunden damit ist die Erkenntnis, dass man zu weit mehr fähig ist, als man geglaubt hätte. Das ist eine interessante Erfahrung.

Zum Flow-Zustand: Haben Sie es denn schon einmal mit Yoga probiert? Ja. Ich meditiere zwar nicht übertrieben viel, wende aber Atemtechniken an, vor allem dann, wenn ich nach intensiven Trainings physisch gestresst bin und Einschlafschwierigkeiten habe. Das ist sehr wirksam.

Sie widmen Ihr Buch Ihren Söhnen. Gleichzeitig beschreiben Sie, dass Sie die Sponsion Ihres Sohnes in Madrid abgesagt haben, um das Infektionsrisiko vor dem Rennen zu minimieren. Sie haben die Feier online am Pool verfolgt. Wo zieht man die Grenze zwischen absoluter Zielorientierung und der Verantwortung als Vater? Welches Signal sendet es jungen Menschen, dass ein sportliches Projekt schwerer wiegt als ein so bedeutender familiärer Meilenstein? Das sportliche Projekt war nicht wichtiger. Ich habe mich in den USA in der Wüste auf das RAAM vorbereitet. Das ist absolut notwendig, um nicht hitzebedingt in den ersten Tagen auszuscheiden. Nachdem alles fertig geplant war, hat sich herausgestellt, dass Felix’ Sponsion drei Tage vor Rennbeginn sein wird. Die Sponsion war mir so wichtig, dass ich einen Flug nach Madrid und retour für einen Tag gebucht habe. Das ist vor so einem Rennen nicht besonders günstig. Ich wollte dabei sein, habe mir aber beim Training in der Wüste eine Infektion eingefangen. Ein Langstreckenflug so kurz vor dem Rennen wäre eine enorme Belastung für meinen Körper gewesen: Aus gesundheitlichen Gründen habe ich entschieden, dass das keinen Sinn macht. Ich bin online dabei gewesen und wir haben die Sponsion entsprechend nachgefeiert.

Diese Entscheidung dürfte Ihnen als Familienmensch nicht leicht gefallen sein? Das war eine sehr schwere Entscheidung, mit der ich bis zum letzten Augenblick gewartet habe. Im Nachhinein war sie richtig, weil ich sonst zum Rennauftakt sicher krank geworden wäre.

Als Professor für Strategie lehren Sie Risikoabwägung und rationales Handeln. Im Rennen sind Sie trotz eines Lungenödems und massiver Atembeschwerden weitergefahren. Hätten Sie einem CEO, dessen Unternehmen – in diesem Fall Ihr Körper – kurz vor dem Totalkollaps steht, ernsthaft geraten, „einfach weiterzumachen“? Wo endet bei Ihnen die wissenschaftliche Ratio und wo beginnt eine Obsession, die an der Grenze zur Unverantwortlichkeit steht? Das ist der entscheidende Punkt: An der Grenze, nicht über der Grenze. Ich hatte einen Arzt im Team, der mich untersucht hat. Es war alles unter Kontrolle. Zu diesem Zeitpunkt am Cuchara-Pass, dem letzten Pass der Rocky Mountains, habe ich bemerkt: Mein Puls steigt, ich bringe keine Leistung mehr und habe Schwierigkeiten beim Atmen. Der Arzt hat ungefähr 100 Höhenmeter vor der Passhöhe ein leichtes Lungenödem gehört. Bei einem Lungenödem gibt es nur eine Möglichkeit: hinunter. Er hat mir für die Abfahrt grünes Licht gegeben. Im Grunde war es kein besonderes Risiko. Ich habe sowieso nach unten fahren müssen, ob auf dem Fahrrad oder im Auto. Es war unter Kontrolle. Entscheidend ist: Man sollte niemals über die Grenzen gehen, sondern an die Grenzen – und dazu muss man wissen, wo die Grenze ist. Ich habe meinem Arzt absolut vertraut. Hätte er mir dazu geraten, abzusteigen, hätte ich das natürlich getan.

Schlagen wir die Brücke ins Wirtschaftsleben: Der Unternehmer hat keinen Arzt an der Seite, der ihn vor verantwortungslosen Handlungen bewahrt und ihm die Grenzen aufzeigt. Wie lässt sich Ihre Grenzerfahrung in eine Managementweisheit übersetzen? Auch ein Unternehmer sollte niemals einsam seine Entscheidungen treffen. Unternehmer sollten sich mit Menschen umgeben, denen sie vertrauen, und auch delegieren und Kompetenzen abgeben. Können sie das, sind sie in der gleichen Situation wie ich beim Rennen.

Man sollte sich also nicht mit Yes-Men umgeben, sondern mit handlungsfähigen Menschen, die auch im Angesicht der Krise ihre Meinung offen sagen können? Genau. Menschen, die objektiv und unabhängig entscheiden und geradeheraus sagen, ob irgendetwas passt oder nicht passt.

Haben Sie sich Ihr Team bewusst zusammengestellt oder sind die Mitglieder in ihre jeweiligen Rollen hineingewachsen und haben sich emanzipiert? Beides. Einige Rollen sind ganz entscheidend: Der Arzt hat die medizinische Autorität und entscheidet ohne lange Diskussionen, ob ich weiterfahren kann oder nicht. Ansonsten ist es so, dass sich das Team findet und sich Rollen – korrespondierend mit den jeweiligen Fähigkeiten der Mitglieder – herauskristallisieren. Das Team findet sich selbst. Ich nehme keinen großen Einfluss darauf, weil ich glaube, dass ein Team ohne Interventionen am besten funktioniert, wenn man die richtigen Menschen ausgewählt hat.

Sie preisen die stoische Gelassenheit als Kern des Erfolgs. Doch als der Druck im Rennen zu groß wurde, haben Sie Ihr Rad voller Wut gegen einen Baum geschleudert. Sie schreiben selbst, dass Sie sich dafür geschämt haben. Zeigt dieser Moment nicht die Zerbrechlichkeit Ihrer Philosophie, wenn der Schmerz real wird? Ist der Stoizismus, den Sie lehren, vielleicht doch eher eine Philosophie, die nur funktioniert, solange alles im „grünen Bereich“ ist? Das kann man so sehen. In der letzten Etappe waren wir alle komplett am Limit. Ich vor allem körperlich mit all den Problemen, die ich gehabt habe. Dann reicht oft ein kleiner Funke aus. Da ist das passiert. Stoizismus ist eine Haltung, die mein tägliches Leben prägt. In solchen Extremsituationen – mit Schmerzen, Schlafentzug und so weiter – kann man schon einmal die Kontrolle verlieren. Wichtig ist, wie man damit umgeht. In dem Moment, in dem ich das Rad an den Baum geworfen habe, habe ich schon gewusst: Das war falsch, weil es meinem Prinzip der Gelassenheit widerspricht. Und dann korrigiert man das sehr schnell.

Sie wirken normalerweise sehr kontrolliert und formulieren mit Bedacht. Haben Sie in diesem Moment eine neue Seite an sich entdeckt? Ja.

Wie haben Sie diese neue Seite an sich in Ihr Selbstbild integriert? Ich war selbst überrascht, weil ich mir das eigentlich so nicht zugetraut habe. Ich bin viele, auch schwierige Rennen gefahren. Mein Team sagt über mich, dass ich selbst in den schwierigsten Situationen die Kontrolle bewahre. Hier war es einmal nicht so. Nachdem sich das nicht mit meinen Grundwerten deckt, habe ich es sofort bereut – und darüber geschrieben und gesprochen. Damit ist das bereinigt.

Ihr Buchtitel „Wenn du in der Hölle bist, fahr weiter!“ ist ein kraftvoller Slogan. Aber wir leben in einer Zeit von Burnout und massiver psychischer Belastung in der Arbeitswelt. Geben Sie Führungskräften mit diesem Mindset nicht eine gefährliche Legitimation an die Hand, Grenzen – die eigenen wie die ihrer Mitarbeiter – dauerhaft zu ignorieren? Besteht die Gefahr, dass Ihre Lehre als Rechtfertigung für eine ungesunde Leistungskultur missbraucht wird? Genau das soll es nicht sein. Der Hintergrund des Titels ist, die größte Lektion zu beschreiben, die ich in diesem Rennen gelernt habe: Ich hatte alle erdenklichen Probleme – die Stimme verloren, ein Lungenödem, ein Zehennagel ist mir abgegangen und hat bei jedem der täglich 60.000 Tritte geschmerzt, und dann noch ein Nackenproblem (Shermer’s Neck, Anm.), nach dem ich den Kopf nicht mehr halten konnte. „Wenn du in der Hölle bist, fahr weiter!“ Die Lektion daraus ist, dass man niemals Entscheidungen treffen sollte, wenn man am Tiefpunkt ist. Beim RAAM gibt es den Spruch: „Never quit at night, and never quit during a breakdown.“ In solchen Situationen kann man nicht mehr klar denken. Am Tiefpunkt sollte man nichts Wichtiges entscheiden, weil man extrem negativ denkt und alles dramatisiert. Entscheide später, wenn du in einem besseren Zustand bist und auch wieder einen Blick für die positiven Seiten hast. Entscheidungen, die man in Ausnahmezuständen trifft, dauern an – die Krise geht aber vorüber. Darum geht’s.

Sie wollen Ihr Buch explizit nicht als Rechtfertigung einer ungesunden Leistungskultur missverstanden wissen? Absolut. Schon bei meinem ersten Buch „High Performance Mindset“ war ich mit der Frage nach einer etwaigen negativen Konnotation in Richtung Stress und Burnout konfrontiert. Dabei muss Erfolg jeder für sich selbst definieren. Erfolg ist subjektiv. Erfolgreich ist jemand, der die eigenen Ziele erreicht oder übertrifft. Positive, selbst gesteckte Ziele zu erreichen, mit denen man sich identifizieren kann, hat einen positiven Effekt. Dafür braucht es Disziplin, und das ist nichts Negatives. Disziplin heißt für mich nicht Verzicht, sondern Fokus.

Wie gehen Sie mit Ihrem inneren Kritiker um? Evolutionär bedingt ist bei uns Menschen ein Negativitätsbias angelegt: Der Säbelzahntiger beansprucht unsere Aufmerksamkeit mehr als der schöne Sonnenuntergang. Negatives schlägt Positives, und zwar im Verhältnis 1:4. Es braucht vier positive Erlebnisse, um ein negatives aufzuwiegen. Die Hälfte unserer Zeit lassen wir unseren Gedanken freien Lauf, und dabei kreist sehr viel um Negatives. Der erste Schritt zum Ausbruch aus der Negativitätsfalle besteht darin, sich ihrer bewusst zu werden. Ich mache mir negative Gedanken bewusst, erkenne sie an und – auch wenn es vielleicht esoterisch klingt – führe positive Selbstgespräche. Das wirkt. Erzählst du dir positive Dinge, veränderst du deine Wahrnehmung.

Ihr RAAM-Projekt ist eine enorme logistische Leistung: Hunderte Kilo Gepäck, High-End-Equipment und eine neunköpfige Crew, die Ihnen den Rücken freihält. Ist dieses „High Performance Mindset“ am Ende nicht ein Privileg derer, die über solche Ressourcen verfügen? Wie viel von Ihrer Botschaft lässt sich wirklich auf den Alltag einer Alleinerziehenden oder eines normalen Angestellten übertragen? Es stimmt, dieses Projekt ist eine riesige logistische Aufgabe und braucht ein großes Budget. Die Prinzipien, die ich daraus ableite, kann aber jeder Einzelne in unterschiedlichen Lebenssituationen anwenden. Das ist nicht Rocket Science. Ein Beispiel: Wer sich mit Optimisten umgibt, wird selbst einer.

Sie sind mit Ihren Projekten als Fundraiser zur Ausrottung von Polio sehr erfolgreich. Dient der karitative Zweck manchmal auch als moralische Rechtfertigung für den massiven zeitlichen und finanziellen Aufwand eines privaten Extremhobbys? Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um? Ich habe das Privileg, meine Leidenschaft für das Radfahren mit einem wohltätigen Zweck zu verbinden. Im Grunde ist so etwas aber immer auch egoistisch, weil mir das auch etwas gibt: ein gutes Gefühl. Altruismus hat grundsätzlich auch eine egoistische Seite. So ein Projekt bekommt einen ganz anderen Stellenwert, wenn man erkennt, dass das eigene Leiden einen zusätzlichen Sinn hat und anderen hilft.

Daraus schöpfen Sie Kraft? Absolut. Viktor Frankl hat geschrieben: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Wenn man ein Warum hat, hält man viel aus. Diese Spenden erfüllen einen höheren Zweck.

Steigen Sie beim nächsten Race Across America wieder in den Sattel? Als Hobbysportler kann man so ein Rennen nicht jedes Jahr machen, weil dafür fast der gesamte Jahresurlaub aufgewendet werden muss. Ich habe meinen Jungs versprochen, nicht mehr anzutreten. Ich würde nur fahren, wenn sie es mir explizit erlauben. Ich habe aber einige andere Projekte geplant, möchte mit einem Freund Northcape4000 fahren. Das ist allerdings mehr Abenteuerurlaub als Extremrennen.

Sie haben in Ihrem Buch elf Lektionen formuliert. Welcher Satz in diesem Buch bereitet Ihnen selbst das meiste Kopfzerbrechen, weil Sie spüren, dass Sie ihn zwar als Professor lehren, ihm aber als Mensch nicht immer gerecht werden? Ich muss mich immer wieder daran erinnern, anderen Menschen zu vertrauen, ihnen etwas zuzutrauen und Dinge abzugeben. Das lernt man beim Race Across America. Sobald du an der Startlinie stehst, gibst du alle Entscheidungen ab. Da braucht es das Vertrauen, dass dein Team die richtigen Entscheidungen trifft. Ich bin in manchen Dingen perfektionistisch, deshalb fällt es mir schwer, Aufgaben abzugeben. Wer alles selbst in die Hand nehmen muss, nimmt anderen die Möglichkeit, sich zu entwickeln.


Interview & Fotos: Marian Kröll

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