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Zukunft

Die gute Idee

16.10.2026

Innovation ist ein großes Wort geworden. Unternehmen sind innovativ, Produkte und Geschäftsmodelle sowieso. Innovationsabteilungen entwickeln Innovationen und Innovationspreise zeichnen sie anschließend aus. Das ist grundsätzlich nicht verkehrt. Nur beginnt Innovation nicht mit Innovation. Sie beginnt mit einer Idee.

Kreativität und Innovation werden gerne synonym verwendet, sind jedoch nicht dasselbe. Das findet übrigens auch die OECD: Kreativität bezeichnet die Entwicklung neuer und nützlicher Gedanken oder Zugänge, Innovation deren Einführung und Anwendung. Zu einem kreativen Geist gehören dabei nicht nur Vorstellungskraft, sondern ebenso Neugier, Beharrlichkeit, Zusammenarbeit und Disziplin. Das ist insofern interessant, als Kreativität damit plötzlich sehr viel weniger nach Kunstunterricht klingt. Kreativität ist nicht zwingend das Erschaffen schöner Dinge. Sie ist zunächst die Fähigkeit, anders zu denken, und damit nicht ausschließlich jenen vorbehalten, deren Berufsbezeichnung „Creative“ enthält.

Kreativität kann Wirtschaft

Dass diese Fähigkeit ökonomisch zunehmend relevant wird, zeigen auch internationale Arbeitsmarktprognosen. Im „Future of Jobs Report 2025“ des World Economic Forum zählt kreatives Denken bereits zu den wichtigsten Kernkompetenzen von Beschäftigten. Gleichzeitig wachsen KI-Kompetenz, Big Data und technologische Fähigkeiten. Die Zukunft scheint also nicht auf ein Entweder-oder zwischen Mensch und Maschine hinauszulaufen, sondern auf eine Kombination aus beidem. Genau an dieser Schnittstelle setzte Ende September das Fö N Festival in Innsbruck an. Unter dem Motto „The Future of Original“ wurde St. Bartlmä drei Tage lang zum Treffpunkt für angewandte Kreativität in Design, Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Kunst. Vorträge standen neben Workshops, Diskussionen neben Konzerten, Theater, Spaziergängen und Interventionen. Fö N versteht Kreativität dabei ausdrücklich nicht als geschlossene Veranstaltung für die sogenannte Kreativwirtschaft, sondern als etwas, das zwischen unterschiedlichen Disziplinen entsteht.

Einer der diesjährigen Gäste war Jianping „Jumping“ He. Der Grafikdesigner, Professor und Verleger lebt und arbeitet zwischen Berlin und China, gründete 2002 sein Studio hesign und gehört der Alliance Graphique Internationale an. Sein Vortrag beschäftigte sich mit der Kunst visueller Sprache anhand seiner eigenen – zahlreichen wie vielseitigen – Projekte. Im Interview wurde daraus eine grundsätzliche Unterhaltung darüber, wo gute Ideen herkommen und was mit ihnen passiert, wenn Maschinen plötzlich ziemlich viel ziemlich gut können. Der chinesisch-deutsche Grafikdesigner lebt seit mehr als 30 Jahren von guten Ideen. Ein Gespräch über Kreativität, KI, kulturelle Unterschiede und den Spaß daran, sich selbst zu überholen.

eco.nova: Sie haben im Laufe Ihrer Karriere unzählige Designs geschaffen und als Juror noch viel mehr beurteilt. Was ist für Sie gutes Design? Jianping He: Für mich muss hinter gutem Design zuerst eine gute Idee stehen. Eine gute Idee weckt Aufmerksamkeit und macht neugierig auf die Information dahinter. Der zweite Punkt ist eine gewisse Revolution: Man muss etwas verändern, etwas Neues einbringen. Und letztlich zeigt erst die Zeit, ob ein Design wirklich gut ist.

Gibt es einen Punkt, an dem Sie wissen: Jetzt bin ich fertig? Oder kann man eine Idee auch kaputtdesignen? Ich habe manchmal tatsächlich dieses Gefühl: Jetzt habe ich die Lösung gefunden, das ist die Endversion. Aber das passiert eigentlich nur bei wirklich gutem Design. Unter Zeitdruck kommt dieses Gefühl viel seltener. Manchmal gibt es allerdings ein sehr deutliches Signal: Jetzt ist es gut.

Muss gutes Design schön sein? Nicht unbedingt. Für mich kommt zuerst die Funktion. Kund*innen kommen zu einem Designer, weil sie ein Problem haben und eine Lösung brauchen. Diese Lösung muss nicht zwingend schön sein, sie sollte zumindest funktionieren. Wenn man zusätzlich Ästhetik mitliefern kann, ist es natürlich besser. Manchmal kann sogar Schönheit selbst eine Lösung sein, aber eben nicht immer. Zuerst geht es darum, das eigentliche Problem zu lösen.

Sie sind in China aufgewachsen und zum Studium nach Deutschland gegangen. Wie stark haben diese beiden Kulturen Ihre Arbeit geprägt? Sehr stark. Als ich in China studierte, gab es viel weniger internationale Informationen über Design. Durch Zufall habe ich einen Artikel über das Bauhaus mit einigen Abbildungen entdeckt. Das hat mich unglaublich inspiriert. In China hatten wir damals alles mit der Hand gemacht: Schriften, Zeichnungen, sehr fein und sauber. Wenn ein Fehler passierte, musste man von vorne beginnen. Und plötzlich las ich, dass Design auch wie ein Produktionsprozess funktionieren kann, dass man nicht nur von der Hand abhängig ist, sondern Maschinen einsetzen kann. Das war für mich völlig neu. Ich wollte meine Hände befreien. Deshalb wollte ich in Deutschland am Bauhaus studieren. Ich wusste damals nicht, dass die Schule längst geschlossen war. Schließlich kam ich an die Universität der Künste nach Berlin. Anfangs wollte ich vieles von dem, was ich in China gelernt hatte – die chinesische Ästhetik und Kultur –, sogar vergessen. Später merkte ich, dass ich mich davon gar nicht trennen konnte. Ich habe Jahre gebraucht, um meinen Glauben an die chinesische Kultur wieder aufzubauen und diese Elemente in meine Gestaltung zu integrieren. Irgendwann habe ich verstanden, dass sich europäische und chinesische Kreativität verbinden lassen. So habe ich meinen eigenen Weg gefunden.

Gibt es so etwas wie eine universelle visuelle Sprache oder ist unsere Wahrnehmung stets auch kulturell geprägt? Das ist eine gute Frage. Ein Piktogramm für eine Toilette versteht man wahrscheinlich in Asien genauso wie in Deutschland oder Österreich. Aber Bilder funktionieren nicht grundsätzlich überall gleich, weil der kulturelle Kontext unterschiedlich ist. Nehmen wir Zahlen: In China ist die Vier problematisch, weil ihre Aussprache jener für Tod ähnelt. Hier gilt eher die 13 als Unglückszahl. Heute sind die Aufgaben im Grafikdesign außerdem viel komplexer und multifunktionaler. Wenn wir über Kommunikation sprechen, ist die Sprache für mich nach wie vor unglaublich klar und präzise. Bilder können Missverständnisse erzeugen.

Kreativität wurde früher stark mit klassischen Kreativberufen verbunden. Heute gilt sie in nahezu allen Branchen als Schlüsselkompetenz. Kann man lernen, kreativ zu sein? Bis zu einem gewissen Grad auf jeden Fall. Wenn man Grafikdesign studiert, lernt man nicht nur eine Darstellungsform, sondern auch eine bestimmte Denkweise. Und diese Denkweise kann eine Methode für Kreativität sein. Man muss ein Thema zunächst verstehen, möglichst aus unterschiedlichen Perspektiven. Analyse ist für mich durchaus eine Methode, um Kreativität zu entwickeln. Die persönliche Handschrift ist etwas anderes. Warum jemand in einer bestimmten Situation ausgerechnet Rot verwendet und sonst niemand auf diese Lösung gekommen wäre, kann sehr individuell sein. Das große Problem ist heute eher, dass wir alle ähnliche Prozesse und Werkzeuge verwenden. Überall stehen dieselben Computer, überall läuft dieselbe Software. Dadurch entsteht sehr viel Ähnlichkeit. Als ich Student war, bestand unsere Hauptaufgabe darin, neue Bilder und Informationen zu entwickeln. Heute haben wir zu viel davon. Unsere Aufgabe ist deshalb zunehmend, gut auszuwählen. Was ist wirklich wichtig? Was ist richtig? Man braucht einen Filter, sonst kommt man nicht mehr zurecht.

Das diesjährige Fö N Festival stand unter dem Motto „The Future of Original“. KI erzeugt heute innerhalb von Sekunden Bilder, für die Menschen früher Tage gebraucht hätten. Wenn Maschinen irgendwann technisch perfekte Designs erstellen können: Worin liegt dann noch der Wert menschlicher Kreativität? Geschwindigkeit spielt inzwischen eine große Rolle. Ich bin überhaupt nicht gegen KI. Für mich setzt sich damit sogar fort, was ich gerade beschrieben habe: Designer*innen müssen gute Entscheidungen treffen und auswählen können. Manche KI-Anwendungen sind unglaublich gut und schnell. Sie lernen bestimmte Darstellungsformen schneller, als wir Menschen das können. Deshalb müssen Designer*innen heute andere Aufgaben übernehmen als frühere Generationen. Wir müssen entscheiden: Was ist gut? Was passt? Was ist die richtige Lösung?

Wir brauchen künftig also noch mehr Bewertungskompetenz? Genau. Viele Designer*innen sprechen über KI als Risiko oder Gefahr. Ich sehe sie eher positiv. Designer*innen, die ihren Beruf hauptsächlich darin sehen, Standards zu produzieren, werden möglicherweise ausgefiltert. Dafür brauchen wir sie irgendwann nicht mehr, weil KI das übernehmen kann. Aber gutes Design wird die Gesellschaft auch in Zukunft brauchen. Denn dabei geht es darum, etwas wirklich Neues zu schaffen. Wenn Maschinen immer besser produzieren können, steigt möglicherweise nicht der Wert des Produzierens, sondern jener des Urteilens.

Sie beschäftigen sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit Gestaltung. Was begeistert Sie heute noch genauso wie am Anfang? Der ganze Prozess, Kreativität zu entwickeln, zu suchen und schließlich zu finden, ist hart. Aber genau das fasziniert mich nach wie vor. Manchmal ist man selbst das Hindernis und muss versuchen, sich zu überholen. Das ist ein großer Spaß für mich. Wenn ich eine gute Lösung finde oder ein gutes Design entwickle, freue ich mich und vergesse den ganzen schwierigen Prozess davor.

Sie haben selbst lange unterrichtet. Was haben Sie dabei von jüngeren Generationen gelernt? Ich habe mehr als zehn Jahre in Berlin und in China und Hongkong gelehrt. Irgendwann habe ich damit aufgehört. Man muss sich in der Lehre viel wiederholen und dafür braucht man viel Geduld. Was ich an jungen Student*innen immer großartig fand, waren die frischen Ideen. Man denkt automatisch mit: Was passiert gerade? Welche Themen sind interessant? Welche Stile entstehen? Junge Menschen gehen unglaublich schnell mit digitalen Werkzeugen um und lösen schwierige Aufgaben auf Arten, bei denen ich manchmal denke: Auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Das fasziniert mich.

Gibt es Designer*innen, deren Arbeit Sie nach wie vor begeistert? Stefan Sagmeister zum Beispiel. Wenn ich an ihn denke, macht mir das große Freude. Er ist kreativ, bringt Neues, ist aktiv und hat so viele gute Projekte gemacht und trotzdem gibt es immer noch Entwicklung. Früher gab es Designer wie Günter Rambow, der sein ganzes Berufsleben Plakate entworfen hat, oder in Japan Ikkō Tanaka und Katsumi Asaba. Menschen, die das 60 Jahre lang gemacht haben. Heute frage ich mich, wie das bei den Generationen nach mir sein wird. Vielleicht werden Berufsleben in einem Bereich viel kürzer. Um lange dabeizubleiben, muss man wahrscheinlich sehr bewusst entscheiden, welche Projekte man annimmt.

Wird man nach 30 Jahren gelassener? Kommt irgendwann das Vertrauen: Die Idee wird schon kommen? Das ist Erfahrung. Aber ich merke auch, dass ich nicht mehr so kritisch bin wie früher und nicht mehr so viel mache. Trotzdem muss man immer neugierig bleiben. Dann wird man auch nie ganz gelassen. Das ist wichtig.


Interview Marina Bernardi
Fotos: Hesign/www.hesign.com

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