Kostenloses Probeexemplar

Die Selbermacher.

Publikation: Lifestyle |  Ausgabe: SPEZIAL Juli 2010 | Ressort: mode.trends | Datum: 29.6.10

Dies ist die Geschichte von einem Quartett aus Höfen im Außerfern, das auszog, die Welt der Designerbrillen aufzumischen.

Vieles von dem, was gleich kommt, wirkt so unglaublich, dass es einfach wahr sein muss, weil das niemand erfinden kann. Wobei in der kleinen Chronik eine Erfindung die nächste jagt und die glorreichen vier ein Tempo vorlegen, das ihnen selbst den Atem raubt. Doch erst ein kurzer Exkurs zu den Protagonisten des gemaserten Brillen-Revoluzzertums:
// Roland Wolf: Gelernter Optiker, Oldtimer-Liebhaber, Lebenskünstler und Problemlöser. Er verzückte seine Freunde schon in früher Jugend mit selbstgebastelten Brillengestellen, baute später für das Brillen-Kult-Label „IC – Berlin“ den Vertrieb in Österreich und Süddeutschland auf und wollte dann aber doch lieber etwas Eigenes aufziehen und verwirklichte seine Visionen und Ideen in Holzfurnier.
// Marija Iljazovic: Universalgenie, arbeitete ursprünglich ebenfalls im Betrieb der Berliner, fand dann aber Gefallen an den Ideen von Roland und offenbarte bereits im Zuge des frühen Stadiums der Brillenentwicklung sensationelle Talente: Sie designt das Gros der Holzfassungen mit einer brillanten Geschmacks-Trefferquote und überlistet nebenher noch die Computerprogramme renommierter CNC-Automaten im Dienste der Produktion.
// Martin Iljazovic: Meister der Land- und Baumaschinen-Technik sowie Meister im Tunen konventioneller Fräsen und Pressen. Er versteht die Pneumatik und Hydraulik wie kein Zweiter, fräst die Rohlinge aus dem geschichteten Furnieren und bastelt dabei im Geis­te bereits an den nächsten innerbetrieblichen Innovationen rund um den Maschinenpark. Ob dabei wieder die Scheibenbremse eines Mopeds zum Einsatz kommt, bleibt noch offen.
// Christian Wolf: Student der Architektur an der Kunstuni in Linz in Brillenkarenz, das grafische Gehirn der Firma, kreiert die Homepage und alle Werbe­materialien, entwickelte die perfekte Versiegelung für die Oberfläche der Gestelle und checkt gerade die Korrespondenz via Skype von den Seychellen aus. Was Sinn macht, denn mehr als 60 Prozent des Umsatzes erziele „Rolf-Spectacles“ im Ausland, sagt Bruder Roland. Dabei gerät er ins Schwärmen und ins Schwitzen, denn der furiose Start der jungen Firma hatte alle kalt erwischt.
Wobei es eigentlich recht mild war, vergangenen September vor den Toren von Paris. Dorthin treckten die Tiroler mit allem, was sie noch hatten: Einem Wohnmobil für die Messenächte auf dem Campingplatz, einem Lkw mit dem selbstgebastelten Messestand und einem Kühlschrank randvoll mit Speisen aus der Heimat. Denn die letzten Euros steckten in den 90 Vor-und Herzeige-Holzgestellen und keiner wusste, was sie auf der bedeutendsten Brillenmesse in Europa erwartete. „Wir waren nominiert für einen Preis in der Kategorie ,Technik und Innovation‘, doch viele Kenner der Branche hatten uns versichert, dass wir uns keine Hoffnungen machen sollten“, sagt Firmengründer Roland Wolf. Aber Wunder gibt es eben immer wieder und die Jury muss sich mächtig gewundert haben, was die Clique aus dem alpinen Nirgendwo da fabriziert hatte: Ein Gestell, wie es wirklich seinesgleichen sucht und nie finden wird – außer im selbst gebastelten Kollektionskoffer.
Wer schon immer etwas Einzigartiges auf der Nase tragen wollte und ein Faible für Design und Technik besitzt, sollte die folgenden Zeilen schön langsam lesen. Die 20 Fassungstypen gibt es in 4 Holzarten und damit in 4 verschiedenen Farbtönen: Ahorn (weiß), Tineo (rötlich), Walnuss (braun) und geräucherte Eiche (schwarz). Jede Brille besteht aus 9 Schichten Furnier, die gegeneinander verklebt werden, unter hoher Hitze gepresst, damit jede Feuchtigkeit verschwindet, und anschließend versiegelt. Dabei wird jedes Gestell aus einem kompletten Rohling gefertigt und behält so seine Struktur und Stabilität – Innovation Nummer eins.
Innovation Nummer zwei sei das Gelenk, sagt Wolf. Dessen Herz ist ein Stift und keine Schraube, fest verankert und mit einem Widerstand versehen, der das Zappeln oder Ausleiern der Bügel verhindert. Für immer, so die gegebene Garantie. Die Krönung des Ganzen aber ist die Fixierung der leichten Kunststofflinsen und den Coup hat Wolf ziemlich genial eingefädelt, weil völlig simpel: Ein verstärkter Faden sorgt dafür, dass die Gläser nicht die Fassung verlieren. Das muss der Jury den Rest gegeben haben und brachte den völlig perplexen Tirolern über Nacht den „Silmo d‘Or“, den so genannten goldenen Brillenoscar. Das war vor 9 Monaten und seitdem hat sich das Leben der Selbermacher rasant gewandelt. In den ersten zwei Jahren machten sie alles zu Geld, um ihren Traum zu realisieren, und planten vorsichtig mit einem Jahrespensum von 1000 Brillen. Nach Paris kamen Order von allen Seiten, die 1000 Gestelle waren nach vier Monaten verkauft, die Optiker haben Wartezeiten, die Produktion läuft auf Hochtouren, neue Maschinen rücken an, neue Büros und Werkstätten sind bereits bezogen, neue Mitarbeiter stehen auf der Matte oder arbeiten sich gerade ein – keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran. „Wir haben international viel gute Presse bekommen, vielleicht lag das ja auch an der Krise, weil dann so erfolgreiche Startups wie wir einfach gut ankommen“, sagt Wolf, und die Ironie der Finanzkrise macht auch vor dem Außerfern nicht Halt: Das Vertrauen in die Realwirtschaft fehlte den Bankern, keiner machte einen Euro locker für die pfiffigen Erfinder aus der Nachbarschaft. Dann doch lieber an der Börse zocken. Wie auch immer, Rolf-Spectacles hat es geschafft – aus eigener Kraft und mit der Hilfe von Freunden und befreundeten Unternehmen.
Wer sich davon demnächst selbst ein Bild machen möchte, der besucht den Shop im Haus, sucht sich seine Brille aus und schaut zu, wie das Unikat die letzte Politur bekommt, bevor es auf die Nase entlassen wird. Anfang Juli steht der Showroom allen offen und das Außerfern ist um eine echte Attraktion reicher.

Autor: Stefan Becker
Foto: Stefan Becker

diese Seite drucken | zurück an den Seitenanfang

Aktuelle Magazine

Aktuelle Ausgabe
Juli/August 2010


eco.nova
Das Wirtschaftsmagazin
mehr dazu

Aktuelle eco.nova SPEZIAL:
LIFESTYLE
mehr dazu

Aktuelle eco.nova SPEZIAL:
TIROL IM SOMMER
mehr dazu

eco.nova SPEZIAL
ARCHITEKTUR
mehr dazu

eco.nova SPEZIAL
LIFESTYLE & WOHLFÜHLEN
mehr dazu

eco.nova SPEZIAL
RECHT
mehr dazu

eco.nova SPEZIAL
KAPITAL GESUNDHEIT
mehr dazu

eco.nova SPEZIAL
BAUEN UND WOHNEN
mehr dazu

eco.nova SPEZIAL
KUNST
mehr dazu

eco.nova SPEZIAL
KULINARIUM
mehr dazu

eco.nova SPEZIAL
IT IN TIROL
mehr dazu

eco.nova SPEZIAL
FINANZMAGAZIN
mehr dazu

eco.nova SPEZIAL
NOTARE
mehr dazu

Archiv/Suche

Geben Sie bitte hier den gewünschten Suchbegriff ein!